Lesefutter: Religion und Aufklärung

Ein akkurat verfasster historischer Abriss:

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“… Als «Aufklärung» bezeichnet man eine geistige Bewegung, die seit dem Ende des 17. und dem 18.Jahrhundert Europa prägt; sie hat neue Denkweisen und neue Methoden in der Philosophie, der Geschichtsschreibung und den Naturwissenschaften entwickelt, entscheidende Anstöße zur Kritik von Religion, Kirche und Offenbarung gegeben und sich bis in unsere Zeit hinein in Kunst und Literatur, Recht und Verfassung, Moral und Politik ausgewirkt…

Aufklärung hatte das Ziel, den Menschen aus Unwissenheit, Furcht und Abhängigkeit zu befreien. Einbildung sollte durch Wissen, Aberglaube durch Verstand besiegt werden. Aufklärung war nicht ein Vorrecht von Königen und Herren, sondern eine Angelegenheit für alle. Deshalb war sie demokratisch, d.h. von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen überzeugt. An die Stelle der christlichen Weltdeutung traten die modernen Wissenschaften. Wo bisher die christlichen Kirchen Glauben gefordert hatten, hielt man sich nun lieber an die Vernunft. Kirchen, Religion, Christentum waren herausgefordert, ihre Notwendigkeit, gar ihre Berechtigung zu beweisen. Das neuzeitliche Wissenschaftsverständnis, dem die Aufklärung zum Durchbruch verhalf, zerstörte den kirchlich-christlichen Anspruch, allein die Wahrheit zu erkennen und über sie zu verfügen.

Vom wissenschaftlichen Denken und Arbeiten wurde jetzt behauptet, sie hätten ihre Begründung und ihr Ziel in sich selbst. Die Erkenntnis der Wahrheit hatten die Kirchen immer von der Zustimmung zu ihren Lehren abhängig gemacht. Jetzt galt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse vernunftbezogen und für jeden überprüfbar sein mussten. Während die christliche Theologie aus der Wahrheit Goethes alle menschlichen Erkenntnisse abzuleiten versuchte, ging die neuzeitliche Wissenschaft von Einzelerkenntnissen aus, die sie, wenn sie sich sachlich ergänzten, als ein Gesetz formulierte, um schließlich miteinander übereinstimmende Gesetze zu einer Theorie zu vereinen. Damit schien der Umfang der überhaupt möglichen Erkenntnisse offen und unbegrenzt. Gegenstand der Wissenschaften wurde die Welt, die Natur, die Geschichte und der Mensch, nicht aber Gott. Themen wie Gott, Glaube, Unsterblichkeit überließ man der Theologie und der Philosophie, die man für unwissenschaftlich oder gar unsinnig erklärte. Damit war die von Judentum und Christentum sorgsam hergestellte Einheit von Gott und Welt auseinandergebrochen.

Die geistige Einheit des Abendlandes, das trotz konfessioneller Gegensätze alles in einen Zusammenhang mit dem Christentum gebracht hatte, zerbrach, als sich nun eine Kultur unabhängig von den Kirchen und ohne Berührung mit ihnen entwickelte. Das moderne Denken musste sein Daseinsrecht aber erst im Kampf gegen die kirchliche Bevormundung und Ablehnung erringen. Bis heute ist ihm die kirchliche Gegnerschaft erhalten geblieben. Vorarbeiten für die Aufklärung hatten die Reformation, der Humanismus des 15. und 16. Jahrhunderts, die Theologie der Neuscholastik, d.h. der Gegenreformation, und selbst der Pietismus geleistet.

Auf die Frage, was denn Aufklärung sei, formulierte Immanuel Kant 1784: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen, ist also der Wahlspruch der Aufklärung.» Das gesamte Leben sollte mit Hilfe der Vernunft gemeistert werden, um das Ziel der «Glückseligkeit» zu erreichen. Damit erhob der Mensch den Anspruch, seine Lebensbedingungen nach dem eigenen Willen zu gestalten. Er wurde sich seines eigenen Könnens bewusst, das durch das überkommene Gottvertrauen und die geforderte Ergebenheit in die Leitung der Kirche zu verkümmern drohte.

Dieser Anspruch wirkte sich m allen Lebensbereichen, in der Architektur und der Musik, der Mode und der Geschichtsforschung, der Pädagogik und der Gesellschaftslehre, in Staat und Wirtschaft aus. Wer davon ausging, dass jeder Mensch von Natur aus frei, von niemandem abhängig und selbständig sei, konnte die herkömmliche christliche Auffassung nicht mehr teilen, dass nach Gottes Willen jedermann der «Obrigkeit» Untertan zu sein habe. Statt dessen erschien die Gemeinschaft als freier Zusammenschluss freier Individuen, bei dem auch die Herrschaft durch freie Vereinbarung und mit dem Ziel zustande gekommen war, den einzelnen zu fördern (Hugo Grotius, gest. 1645) oder das Chaos und den Kampf aller gegen alle abzuwenden (Hobbes, 1588-1679). Nach dieser neuen Idee gründete also der Staat nicht mehr in der Anordnung Gottes (so Rom. 13), sondern im Willen des Menschen. Deshalb konnte die Kirche dem Staat auch nicht mehr Aufgaben und Zwecke vorgeben, indem sie sich ihm als Gottesmacht (so die Katholiken) oder als Verkünderin des Willens Gottes (so die Protestanten) verordnete.

Der Intoleranz des Christentums stellte sich die Toleranz der Aufklärung entgegen. Geistige Freiheit und Religionsfreiheit mussten den Kirchen abgetrotzt werden. Die Trennung von Staat und Kirche wurde ins Auge gefasst.

Den nachhaltigsten Schock aber versetzte dem christlichen Glauben das naturwissenschaftliche Weltbild.
1534 hatte Kopernikus das geozentrische Weltbild (nach dem die Erde im Mittelpunkt des Weltalls steht) an die Stelle des heliozentrischen Weltbildes (nach dem die Sonne im Zentrum steht) gesetzt. Giordano Bruno (1600 in Rom verbrannt) fand heraus, dass die Fixsterne Sonnen sind, und zerbrach damit auch das heliozentrische Weltbild. Kepler (gest. 1630) erkannte den mathematischen Aufbau des Kosmos, Galilei (gest. 1642) formulierte als Ziel der Naturwissenschaften, die mathematische Ordnung des Weltalls zu erkennen. Damit war das christliche Weltbild mit seiner dogmatischen Gebundenheit zerstört. Die Sicht der Bibel, die die Erde und den Menschen in die Mitte des Alls gestellt hatte, war als falsch erwiesen. Damit kam auch die «Inspirationslehre», d. h. die Behauptung, dass die Bibel das irrtumsfreie Wort Gottes sei, ins Wanken. Als die Bibel ihrer verschiedenen dogmatischen Schutzhüllen entkleidet war, konnte man sie an Hand historischer und philologischer Methoden wissenschaftlich untersuchen und sie in die allgemeine Weltliteratur einordnen. Über Inhalt, Verfassungszeit und Verfasser der biblischen Schriften entschied nun nicht mehr die kirchliche Tradition, sondern der historische Befund.

Nachdem Galilei bei seinen Forschungen auf die Idee des strengen Kausalzusammenhangs (Zusammenhang von Ursache und Wirkung) gestoßen war, der für die ganze Weltanschauung der Aufklärung maßgeblich werden sollte, blieb der Glaube an eine göttliche Lenkung des Weltenlaufes und des Schicksals der Menschen auf der Strecke.

Die Aufklärung hat die gesamte abendländische Kultur säkularisiert (verweltlicht). Das Christentum hörte auf, die selbstverständliche Voraussetzung allen Lebens und Denkens abzugeben. «Der Gott, der in einzelnen Willenshandlungen in Welt und Menschenleben eingreift, verschwand von jetzt ab aus dem Denken aller wissenschaftlich geschulten Köpfe.» (Dilthey, 1833-1911) Statt dessen hielt man Ausschau nach den Gesetzen der Entwicklung, die auch ohne Eingreifen von außen und ohne Offenbarung verständlich sind. Die Theologie verlor die geistige Führerschaft über die anderen Wissenschaften; die Überzeugung von der Alleinberechtigung des christlichen Glaubens ließ sich jetzt nicht mehr unangefochten aufrechterhalten…

von Rolf Dober

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