(lese)tipp: Was bin ich Wert?

https://i2.wp.com/theintelligence.de/images/stories/buecher/was_bin_ich_wert_cover.jpg?resize=127%2C205Eine Niere bekommt man in Indien für 300 Euro, ein afrikanisches Adoptivkind für 20.000 Euro – und der Hintern von Jennifer Lopez ist mit über 425 Mio. Dollar versichert. Betriebswirte sprechen vom „Humankapital“ der Angestellten, Volkswirte vom Wert eines „statistischen Lebens“ pro Bürger, Gesundheitsökonomen denken in „qualitätskorrigierten Lebensjahren“. Was wäre Ihnen ein Jahr in Gesundheit wert, und wie viel ein Menschenleben – auf Euro und Cent genau? Darf man so etwas überhaupt fragen? Lautet die Antwort nicht von vornherein: unendlich viel, unbezahlbar, nicht kalkulierbar? Jörn Klare fragt es in seinem Buch „Was bin ich wert?“

Aus moralischer Perspektive mit Blick auf die Menschenwürde verbietet sich jedwede andere Sichtweise natürlich. Was jedoch nichts an der Tatsache ändert, dass fortlaufend und in zunehmenden Maße eine Monetarisierung des menschlichen Lebens stattfindet – nicht nur in fernen Drittweltländern, im illegalen Organ- und Menschenhandel, sondern auch ganz nah und für jedermann erfahrbar.

In unserem System haben immer öfter wirtschaftliche Betrachtungsweisen den Vorrang, bei welchen Menschen zu „berechenbaren“ Größen werden, anhand derer entschieden werden kann, ob sich beispielsweise Investitionen in Mitarbeiter, Sicherheitsmaßnahmen oder Operationen „lohnen“. Nur so wirklich offen aussprechen möchte das selbstverständlich niemand, sind diese Gedankengänge doch zumindest heikel, wenn nicht gar inhuman.

Kann man aber den tatsächlichen Wert eines Menschen berechnen, jedem quasi ein Preisschild aufkleben? Man kann, theoretisch. Und bewegt sich dabei natürlich auf sehr, sehr dünnem Eis.

Der Journalist Jörn Klare hat diese etwas anrüchige Preisermittlung gewagt. Seine Recherchereise führt ihn zu allen denkbaren und undenkbaren Ansprechpartnern, denen er allen die selbe Frage gestellt hat: „Was ist ein Mensch wert?“ – darunter unter anderem Politiker, Volkswirte, Gesundheitsökonomen, Versicherungen, diverse Behörden und Experten; aber auch seine Hausärztin und Apothekerin, zwei Philosophen, ein Pfarrer oder der „Plastinator“ Gunther von Hagens kommen zu Wort. Er meldet sich bei der Tagesschau, einer Samenbank, einem medizinischen Test; befragt einen inhaftierten Mörder, Prostituierte, Obdachlose und natürlich auch Freunde, seine Partnerin, seine Mutter, den todkranken Stiefvater und seine kleine Tochter.

Und je nach Ansprechpartner folgen mehr oder weniger konkrete, teils empörende, teils nachvollziehbare, aber auf jeden Fall interessante Antworten und Ansätze. Manche winden sich bei der Fragestellung, andere haben handfeste Formeln und Tabellen parat, und wieder andere bieten erstaunliche Vergleiche und Sichtweisen.

Zum Schluss kommt Klare auf einen ganz konkreten Preis für sein ganz konkretes Leben – zu dem man stehen kann, wie man möchte. Auf jeden Fall regt er, und alle möglichen und unmöglichen Berechnungswege dazu, zum Nachdenken an.

Dank klarer Gliederung und sympathischer Schreibweise auch für Menschen, die mit Berechnungen und Ökonomie nicht viel anfangen können – Klare zählt sich selbst dazu – sehr gut lesbar. Eine informative wie unterhaltsame Zusammenstellung einer Menge aktueller Beispiele aus der manchmal schaurigen Welt der Menschenwertberechnung – absolute Leseempfehlung!

via Intelligence

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