Sigur Rós, 9. Juli 2008 in Lausanne

Nachdem mea parvitas vor 2 Jahren schon einmal einem Sigur Rós Konzert beiwohnen durfte, da sich Montreux mit ihrem Namen auf ihrem Line-up zu brüsten wusste, beschloss ich freudig, an einer weiteren Darbietung ebendieser Band Präsenz zu zeigen.

Durch den genannten, vergangenen, Anlass, waren meine Erwartungen an die Gruppe vergleichsweise hoch, da das Konzert zu den besten, intensivsten und überwältigsten gehört, die ich je erlebt habe. Mit gespannter Vorfreude auf eine weitere zweistündige Seelenflugreise unter Leitung isländischer Stimmungskünstler machte ich mich also in Begleitung vierer anderer menschlichen Biomassen auf den Weg nach Lausanne…

In Lausanne eingetroffen, stellten wir auch schon direkt unsere Walliser Grossstadtkenntnis unter Beweis, was nichts anderes heisst, als das wir in orientierungsloser Ohnmacht in französischer Sprache (!) ein Taxi bestellten und mit genügend Zeitpolster fünf Minuten vor Konzertbeginn den Gethobereich ähhh das Industrieviertel der Stadt erreichten, wo wir auch den Club Les Docks, in dem das Konzert stattfinden sollte, fanden. Anscheinend waren wir allerdings nicht die einzigen und so reiten wir uns brav und sittlich in die unerwartet lange Schlange ein. Zuhinterst versteht sich.

Nach etwa 10 Minuten kontinuierlichem watscheln in der Warteschlange (die sich übrigens immer wieder aufzufüllen wusste), kamen wir auch schon an den Eingang und betraten die fremde Sphäre des Clubs und begutachteten diese kritisch, selbstredent nicht, ohne mit geübtem Auge einen wertenden Blick auf potentiell freie Barplätze zu werfen. Für Desintressierte in Punkto lokalität, bitte den nächsten Absatz überspringen

[clubbeschreibung]
Les Docks ist in vier Viertel aufgeteilt, von denen sich jeweils zwei im unteren und zwei im oberen Stock befinden. Nach dem Eintritt in den Club befindet man sich direkt in einem Lounge-artigen Vorraum mit schnuckliger Beläuchtung und einem adäquaten Ambiente. Durch eine Treppe gelangt man von hier nach oben in den zweiten Stock, wo es ebenfalls eine hübsche Bar zu bewundern gibt und rund um die Treppe diverse Sitzmglichkeiten bietet. Da wir weder an welsche Zauberkünste (welcher Hase lässt sich schon mit einem ‚oküs Boküs aus dem Zylinder zerren), noch an menschenfressende Gebäude glaubten, machten wir uns nun auf die Suche nach den restlichen Leuten aus der Schlange, denn die beiden Vorräume waren nur spärlich besetzt. Da ich mich gerade im oberen Stock befand, wagte ich eine weiterführende Exkursion und tratt, bewaffnet mit einem Bier (zu einem akzeptablen Preis von 4.-), durch die nächste Tür. Schnell war das Rätsel um den Verbleib der Mitbesucher gelüftet, denn eine nicht gerade geringe Anzahl Homo Sapiens Sapiens besiedelte in ersichtlicher Vorfreude die Terasse, welche in hufform zu der Bühne zeigte, und von der man hinunter in eine weitere Masse von Menschen gucken konnte. Dort unten befanden sich dementsprechend die Emigratin des Vorraums #1.
[/clubbeschreibung]

Durch den Vorteil meiner Grösse konnte ich noch knapp einen Platz ergattern, von dem aus ich zumindest einen Teil der Bhne sehen konnte. Auf dieser stand, wie zu erwarten, ein grosser Flügel, diverse Keyboards und etliche Zylophone, neben den obligaten Boxen und Monitoren, die sich übrigens hinter der Band befanden. Wenige Minuten nach der Anektierung meines Platzes, tratt die Band auch schon auf die Bühne. Anfangs wagte sich nur ein einziger mutiger an seinen Flügel, wurde jedoch schon bald von einem zierlichen Mädchen am Zylophon unterstützt. Bereit die Musik auf mich einfliessen zu lassen, schloss ich die Augen und gab mich dem gewohnt genialen Aufbau der Musik hin und liess die beriselte steigerung des Liedes, wie man es von Sigur Rós kennt, auf mich einwirken. Die Wellen der mit Geigenbogen gespielten Gitarre, kombiniert mit der hypnotisierenden Stimme des Sängers, welche perfekt durch die Piano und Zylophonklänge untermalt und ergänzt wurde, riss mich bald schon mit und ich genoss den zärtlichen Schauer, den die Musik mir, live umsomehr, durch sämtliche Knochen jagdte. Der erste Konzertteil orientierte sich vor allem an der Takk Scheibe und traf exakt meinen Gusto und verlieh mir jene Art von Höhenflug, den zu verschaffen nur Musik in der Lage ist.

Doch dann das Sakrileg (sic!): Das bisher etwas verhaltene Klatschen, welches ich mir zu überhören vorgenommen habe, nahm auf einmal exzessive Massen an. Jubelschreie, Freudenpfiffe und sogar Fussgetrampel störten auf einmal meine Oase der Entspannung, rissen mich unsanft aus dem ekstasischen Zustand und die Gruppe, welche auf die glorreiche Idee kam, in einem Sigur Rós Lied sogar den Takt mit zu klatschen, versenkte endgültig mein strauchelndes Boot mit letztem Blick zum Horizont in den tosenden Wellen der Verschandung der Musik!

Aus diesem Traum geweckt und wie geohrfeigt stand ich nun da und riss mich dennoch zusammen, die Musik nicht auf ihr (störendes) Publikum zu reduzieren. Zu meinem Leidwesen beschloss allerdings die Band nun, ihre neueren Stücker zum Besten zu geben. Vorgewarnt durch die werte Initiantin dieser Seite war ich auf „etwas popigeres“ als bisher gefasst, doch wie wir wissen gibt es Sachen auf die man sich nun einmal nicht wirklich vorbereiten kann, etwa Heiratsanträge, das endgültige aus des Tamagotchis oder aber auch, wenn man von einer Band, die einem durch komplexe Liedstrukturen geistige Höhenflüge während aktiver Entspannung verschafft hat, auf einmal etwas, leicht überspitzt gesagt, let’s go Party mässiges vorgesetzt bekommt.

Verwirrt und leicht verstört begab ich mich also zu der Bar und nahm eine kleine Auszeit, in dem Gedanken, vieleicht selber etwas überreagiert zu haben, wie aber auch mit der Idee, nach etwas Abstand die Musik noch einmal auf mich einwirken zu lassen. Gesagt getan stand ich nach einer Weile wieder auf meinem Platz und überliess die Steuerung meines seins den aktuellen Errungenschaften meines Gehörgangs. Teilweise konnte ich sogar wieder absinken, doch irgendwie hatte die Setlist augenscheinlich etwas gegen mich, und nach jedem intensiven Lied, holte mich das nächste stück wieder auf den Boden zurück.

Der Schluss des Konzertes war dann schon bald in Sicht, und ohne eine Zugabe (!) verliessen die Zuhörer dann auch langsam den Club. In den Gesichtern konnte ich Freude, Spass und Motivation erkennen, die Leute waren aufgeregt und das Konzert ernteten offensichtlich riesigen Gefallen.

Nun, wieso bei mir eher weniger: Vieleicht deshalb, weil ich mir durch das Erlebnis in Montreux zu grosse Erwartungen gemacht habe. Unter Umständen auch deshalb, weil Sigur Rós sich in eine Richtung weiterentwickelt hatm in die ich nicht mit ihnen gehen werde. Es kann auch sein, dass mich in erster Linie das Publikum beinahe zur Weissglut gebracht hat, weil ich solch ein enthusiastisches Verhalten mit einem Rock/Pop Konzert assoziere, aber bestimmt nicht mit jenen Isländern.

Auf jedenfall aber trug die Gesamtstimmung dazu bei, denn trotz allen positiven Punkten, die man in den Gesichtern gelesen hat, war es nicht jene Stimmung, die einem vermittelt, gerade aus einer fremden Welt aufgewacht zu sein, und dank der Musik die Gunst bekam, 2 Stunden im puren Gänsehaut Nirvana gewesen zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.