Die Grenzen im Internet – das Ende der Massen

Stell Dir vor, es ist Social-Networking, und alle gehen hin: Seiten wie „MySpace“ oder „flickr“ boomen – doch die wachsende Popularität erweist sich zunehmend als Handicap. Erinnert sich noch jemand an Cybersex?

Wie viele Mitglieder kann ein Netzwerk haben: 17 Millionen? 40 Millionen? Kann man noch von einer „Community“ sprechen, von einer Gemeinde, wenn ihr 150 Millionen Menschen angehören? Das sind jedenfalls die aktuellen Mitgliederzahlen von Facebook, Friendster und MySpace, einigen der Social-Networking-Websites, die das Internet in den letzten Jahren revolutioniert haben.

Genaue Angaben gibt es nicht: MySpace etwa gewinnt täglich 300 000 neue Mitglieder. Angesichts dieser Massen ist offensichtlich, dass die Netzwerk- wie auch die Gemeinschafts-Metapher mit der Realität nichts mehr zu tun haben. Die Größe und die Offenheit, die anfangs der Schlüssel zum Erfolg dieser Sites waren, erweisen sich mit wachsender Popularität als Handicap.

Binnen kurzem werden sie abgelöst werden von der nächsten Generation des Social Networking, mit intimeren, präzise auf dieses Hobby oder jene private Leidenschaft zugeschnittenen Sites. Viele, zumal die über 20, die vom unaufgeräumten Kinderzimmer MySpace mit seinen ermüdenden „blurbs“ und den endlosen, unscharfen Party-„pix“ abgeschreckt wurden, werden das Netzwerken im Internet erst jetzt entdecken.

Eine Webseite für Snowboardfans? Nun ja.

Dass etwas im Busch steckt, bestätigt eine Meldung vom Samstag, nach der der amerikanische Technologiegigant Cisco die Techniksparte der winzigen Networking-Site Tribe kaufen wird, nachdem er erst kürzlich die Network-Design-Firma Five Across übernommen hat. Anders als auf den großen Netzwerk-Sites basiert Tribe auf lokalen Communities, und lokalen Themen.

Wohnungs- oder Jobsuche stehen im Vordergrund. Ning ist eine vielversprechende Social-Networking-Plattform, die eben gestartet wurde: Jeder kann hier kostenlos seinen eigenen Online-Club gründen, egal ob es um eine Kampagne für die Präsidentschaftskandidatur von Al Gore geht oder um Surfen am Strand von San Francisco.

Dass solche Netzwerke, die um Themen herum entstehen, die Zukunft sind, davon waren auch einige Gründer neuer Netzwerk-Sites überzeugt, die sich kürzlich bei einer Podiumsdiskussion in New York trafen. Wie viele Ideen für das Internet klangen auch ihre Projekte erstmal alles andere als aufregend: Eine Website für Snowboardfans? Nun ja. Aber hatte man nicht ähnlich reagiert, als man zum ersten Mal von YouTube hörte?

Maskenball für Exhibitionisten und Voyeure

Natürlich bedienen auch die etablierten Community-Sites schon unterschiedliche Publikumssegmente. Während Friendster vor allem eine Kontakt- und Dating-Börse ist, geht es bei MySpace um das lustvolle Ausstellen der eigenen Person. Facebook ist der Ort, an dem amerikanische Collegestudenten Kontakte für ihren ersten Job aufbauen.

Was sich bisher allein in obskuren Chatrooms mit ihren komplizierten Zugängen, verborgenen Identitäten und ihrem verruchten Image (erinnert sich noch jemand an „Cybersex“?) abspielte, rückte mit diesen Websites ins freundliche Mainstream-Licht, untermalt von Fotos, die etwas weniger Vorstellungskraft erforderten als die spröden Chat-Texte.

Doch je mehr Leute dazustießen, desto deutlicher wurden die Schwächen dieser Modelle. Friendster erschöpft sich im Dazugehören und Freundemachen. Was kommt danach? Und das Flunkern rund um die Realität der eigenen Person, zu dem MySpace einlud, hat die Site zum weltgrößten Maskenball gemacht, einem Spielplatz für Exhibitionisten und Voyeure.

Das Phänomen Tila Nguyen alias Tila Tequila, das singende, tanzende Softcore-Girl aus Singapur, das am Freitagnachmittag 1 699 471 „Freunde“ auf MySpace (und einen Plattenvertrag) hatte, deutet die Zukunft dieser Website an. Networking wird Entertainment. Und aus MySpace wird eine Art Online-Amateurshow, bei der das Spiel mit der eigenen Persona Teil der Performance ist, und wo der gewinnt, der es von der Null zur Berühmtheit schafft. Alle anderen müssen sich damit begnügen, Fan zu bleiben statt Freunde zu finden.

Alles verwässert

Es gibt ein weiteres Dilemma der großen Networking-Sites. Den vielen, die gelangweilt von der öden Einbahnstraße Fernsehen zum lebendigen, chaotischen Internet abwanderten, von „Friends“ zu Friendster, dämmert spätestens seit der Übernahme von MySpace durch Rupert Murdochs News Corporation, dass sie sich hier erneut im Moloch der Konzernmedien bewegen, in der Diktatur des kleinsten gemeinsamen Nenners. Space auf MySpace zu haben, das ist etwa so cool wie ein Burger im Hard Rock Café.

Im realen Leben entsteht ein Trend oder eine neue soziale Entwicklung aus Innovationen einiger weniger. Dann schließen sich die Massen an, oft um den Preis der ursprünglichen Idee. Bei den Social-Networking-Sites ist es umgekehrt. Die Entwicklung geht vom Allgemeinen zum Speziellen. Ein Beispiel ist asmallworld, eine Online-Community mit 150000 Mitgliedern für Jet-Setter und alle, die sich so fühlen. Viel tut sich hier nicht. Die Mitglieder geben sich Partytips für Genf und helfen sich aus mit Babysittern in Moskau. Letztlich ist asmallworld nichts als eine Informationsbörse, zugeschnitten auf die spezifische Mitgliedergruppe: Durchschnittsalter 32, hohes Bildungsniveau, gute Jobs.

Damit es so bleibt, kann man Mitglied nur auf Einladung werden und muss seine tatsächliche Identität offenbaren. Sechs Webmaster beobachten die Vorgänge auf der Seite. „Wer sich schlecht benimmt, landet an einem Ort namens a big world, und da will man nicht hin“, erklärt Gründer Erik Wachtmeister, der die Mitglieder auf der Homepage im Smoking begrüßt. „Der Wert der großen Sites ist verwässert, was wir bieten, ist ein Netzwerk, das auf Vertrauen basiert. Ob es dann letztlich drei oder drei Millionen Leute umfasst, ist egal.“

Neues Paradies für die Werbung

Snowvision ist offener, aber es werden sich wenige dorthin verirren, die nicht gerne Snowboard fahren: Alles dreht sich ausschließlich darum. Die Snowvision-Macher hatten beobachtet, dass viele der Boarder DVDs ihrer schönsten Sprünge in der Liftschlange verteilten. Das können sie auf der Website jetzt sehr viel einfacher tun. Dieselbe Idee steht hinter Travelistic, einer Plattform für Reisevideos. Es geht darum, die Community um die Inhalte zu versammeln und die Inhalte aus der Community zu generieren, also die Networking-Funktionen von MySpace und die Content-Funktion von YouTube zu vereinen.

Das funktioniert nur an einem Ort, der statt auf Breite auf Tiefe angelegt ist. „Je kleiner die Nischen sind, die diese Websites besetzen, desto intensiver werden diese von den Usern wahrgenommen“, sagt Chris Pfaff von der Producers Guild of America. Bis 2010 will Nicholas Butterworth, der Mann hinter den beiden Websites, nach demselben Prinzip 25 andere Sites gründen.

Dass die Nischen-Websites mit ihren kleinen, aber genau sortierten Populationen auch Paradiese für Werbekunden sind, wird die Entwicklung nur beschleunigen. Sofern die Inserenten nicht gleicht ihre eigenen Netzwerke gründen. Technisch ist das kein Problem mehr, seit sich Firmen wie Kickapps oder Crowd Factory darauf spezialisiert haben, die Social-Networking-Technologie für jede Website verfügbar zu machen, ob es sich nun um Nikes Fußball-Site joga.com oder die Wahlkampf-Site barackobama.com handelt.

Die Homogenisierung, die man bei anderen Medien wie dem Fernsehen erlebt hat, ist nicht zu befürchten. Wie nach dem Einmaleins der Systemtheorie wird sich die Online-Community ausdifferenzieren in immer speziellere und hermetischere Untergruppen. Und vollzieht damit die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte Schritt für Schritt nach.

Anmerkung: (SZ vom 6.3.2007) Von Jörg Häntzschel
sueddeutsche.de
URL: /kultur/artikel/472/104368/article.html

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