Dialektmobbing – Walliserdeutsch unter Beschuss

Geneigte Leser und LeserInnen

Da ich nun aufgrund meines neuen Jobs des Öfteren in telefonischem Kontakt mit Kunden stehe, möchte ich hier ein kleines Statement zum Thema Dialektmobbing abgeben. Denn mir fällt immer öfter auf, dass die Kunden nicht bereit sind, sich auf Walliserdeutsch betreuen zu lassen. Sicher kann ich nachvollziehen dass unser Dialekt aus dem Wallis befremdlich klingen mag. Die meisten „Ausserschweizer“ empfinden die Sprache bzw. ihr Klang belustigend und unterhaltsam – Ausnahmen vorbehalten. Im Allgemeinen werden wir ausserhalb unseres Heimatkantons schnell „entlarvt“ und werden in den meisten Fällen sehr freundlich aufgenommen, was ich wirklich schön finde und auch geniesse.

Aber die Münze scheint auch hier eine Kehrseite zu haben. Denn ich habe es bereits mehrfach erlebt, dass mir sogenannte „Zürifressen“ (stellvertretend hier für Vertreter aller Möglichen Kantone, obwohl der Grossteil der reklamierenden Kunden tatsächlich Zürcher sind) am Telefon mitgeteilt haben, dass Sie gerne mit jemandem sprechen möchten der „deutsch spricht“ während ich versucht habe, ihnen ihre Kunden-Nr. mitzuteilen. Und das ist kein Einzelfall.

Immer wieder erleben wir in unserer Zentrale solche Geschichten. Täglich werden wir gezwungen zu „bünzlen“. Die ureigene Sprache muss verraten werden weil intolerante Säcke partout nicht bereit sind, mit einem ein wenig offenerem Ohr hinzuhören, weil es Leute gibt die zu faul sind, ihren eigenen Dialekt geringfügig umzumodeln. Wir Walliser verlangen von den Ausserschweizern ja auch nicht, dass sie mit uns Walliserdialekt sprechen. Ich verlange nur: Lasst uns um Himmels Willen das Recht, unsere Muttersprache zu sprechen!

Nur so kann die fortschreitende Entwicklung der Schweizerdeutschen hin zu einem Gemisch aus Englisch, Plastikdeutsch, Turko-Akzent und Tierlauten verhindert werden! Ich habe keine Lust darauf nach 10 Jahren in allen Ecken der Schweiz die gleiche Sprachensauce zu hören! Ich finde es schön, auch andere Sprachen zu hören; und auch für uns Walliser gibt es Dialekte die nur schwer zu verstehen sind (Schwyzer beispielsweise).

Meine einzige Forderung ist: Liebe Kunden, auch wenns euch pressiert, zeigt bitte etwas Respekt und Toleranz gegenüber den Wallisern, denn wir bemühen uns auch, ein unkompliziertes Walliserdeutsch mit euch zu sprechen. In eurer Freizeit und wenn’s euch gerade passt findet ihr es nämlich immer „superherzig“ uns zuzuhören. Aber wer A sagt muss ja auch B sagen, denn wenn man 8.5 Stunden am Tag ein Wischwasch aus Ausserschweizerdeutsch spricht, ist es wenig verwunderlich dass man sich immer mehr vom eigenen Dialekt entfernt. Dann müsst ihr euch wieder jemand neues zum Belächeln suchen!

Mittlerweile ist es schon vorgekommen, dass wir Kunden aus dem Wallis am Telefon hatten und erst am Schluss bemerkten die Personen an den Enden, das „bünzeln“ total überflüssig gewesen wäre. Die aufgezwungene Selbstverleugnung der Walliser Sprache geht nun also schon soweit, dass nicht einmal mehr die Kantonsleute unter sich wiedererkennen.

Um jetzt nicht falsch verstanden zu werden: ich predige weder Kantonalsozialismus, noch „Vaterlandsstolz“ oder sonst irgend eine Form der Menschenverachtung. Es geht mir um die Erhaltung von historische-sprachlicher regional begrenzter Einzigartigkeit, und das auch nur deshalb, weil die Alternative dazu noch tragischer klingt als das was die Leute jetzt sprechen.

Aber wer wäre ich denn wenn ich hier zu mehr Toleranz auffordern würde ohne nicht auch ein wenig dazu beizutragen, dass euch das Ganze leichter fällt. Zugegebenermassen habe ich hier einfach nur den Artikel aus Wikipedia hineinkopiert, aber da dieser so umfangreich und informativ ist, sah ich keinen Grund das Rad neu zu erfinden.

Viel Spass beim Walliser-Crashkurs!

Walliserdeutsch sind die Dialekte der Deutschschweizer im Kanton Wallis. Sie gehören zur höchstalemannischen Dialektgruppe und werden von den rund 80.000 Oberwallisern gesprochen. Die Sprachgrenze zum französischsprachigen Unterwallis verläuft nördlich des Rottens entlang des Bachs Raspille zwischen dem zweisprachigen Sierre (dt. Siders) und Salgesch und südlich des Rottens im Bereich des Pfynwalds. Walliserdeutsch weist eine eigene Grammatik und etliche eigene Wörter auf. Es ist daher für Sprecher der standarddeutschen Sprache nur eingeschränkt verständlich, und sogar viele Sprecher hochalemannischer Dialekte haben Verständnisprobleme.

Gliederung

Die Walliser Dialekte weisen eine starke regionale Gliederung auf. In früheren Zeiten hatte fast jedes Dorf seinen eigenen Dialekt, so dass daran ggf. die Herkunft einer Person erkannt werden konnte. Wegen der stärkeren Durchmischung verschwinden jedoch inzwischen solche Unterschiede. Heutzutage kann oft noch gesagt werden, aus welchem Tal die betreffende Person kommt. Der Walliserdialekt wird in zwei Hauptidiome Gruppe West und Gruppe Ost unterteilt. Die Gruppe Ost umschliesst den östlichen Teil des Oberwallis bis Gamsen bei Brig und die Gruppe West die Vispertäler und den Teil ab Visp westwärts bis Siders/Sierre.

Diese Unterteilung wird auf die verschiedenen Einwanderungsrouten der Alemannen im 9. Jh. zurückgeführt dh. die Gruppe West wanderte aus dem Saanenland kommend über den Gemmipass und den Lötschbergpass und die Gruppe Ost aus dem Berneroberland (Haslital) über den Grimselpass ins Wallis ein. Diese Dialektgrenze zieht sich quer durch die Schweiz. Diese kann man mit dem Adjektiv schwer gut zeigen:

Gruppe West im Oberwallis‘: schweer, Gruppe Ost: schwäär (überoffenes [æ:]). Berner Saanenland und Sensebezirk in Freiburg: schweer/schwier, Haslital, Brienz, Emmental Stadt Bern bis Berner Seeland: schwäär

Walliserdeutsch und Walserdeutsch

Rein linguistisch gesehen gibt es keine klaren Unterschiede zwischen den Dialekten im deutschsprachigen Wallis und in den Siedlungen der Walser, welche im 13. und 14. Jahrhundert aus dem Wallis auswanderten und an zahlreichen Orten im Alpenraum Siedlungen gründeten. Die Unterschiede beruhen eher auf aussersprachlichen Kriterien, nämlich dass der Kanton Wallis eine politische Einheit bildet, während die Walsersiedlungen untereinander wenig Kontakt haben.

Die Dialekte der Walsersiedlungen lassen sich ebenfalls denselben Gruppen Ost und West zuordnen, in die man die Dialekte des deutschsprachigen Wallis einteilt, so dass beispielsweise ein Dialekt einer Walsersiedlung aus der Gruppe Ost mehr Gemeinsamkeiten haben kann mit einem Deutschwalliser Dialekt aus derselben Gruppe als mit einem Walsersiedlung-Dialekt aus der Gruppe West.

Unterschiede zwischen den wal(li)serdeutschen Dialekten gibt es je nachdem, was für Sprachkontakte in bestimmten Regionen gewirkt haben. In isolierten Regionen haben sich ursprünglichere Sprachformen besser erhalten als in verkehrsoffenen Gebieten. Dies erlaubt jedoch keine Unterscheidung zwischen den Dialekten des Deutschwallis und der Walsersiedlungen, denn beide werden sowohl in isolierteren als auch in verkehrsoffeneren Regionen gesprochen. Die typischsten Beispiele für isolierte Regionen sind die Walsersiedlungen auf der südlichen Alpenseite in italienischsprachiger Umgebung, jedoch auch im Kanton Wallis gibt es sehr isolierte Talschaften, beispielsweise das Lötschental, wenn auch seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Verkehrsverbindungen sich sehr verbessert haben.

Am deutlichsten von den übrigen wal(li)serdeutschen Dialekten weichen diejenigen ab, die umgeben sind von anderen deutschen Dialekten, also Dialekte in Walsersiedlungen in Teilen Graubündens, in Liechtenstein oder in Vorarlberg.

Beispiele

«Der Käfer an der Decke bewegt sich.»: «Dr Güegu a ner Welbi mottut schi.»
«Ich lasse mich nicht verarschen!»: «Ich la mi nit la versecklu!»
«Halt den Mund!»: «Dü hesch apa zmüül züe!»

Unterschiede zwischen dem westlichen und dem östlichen Walliserdeutsch

Jeweils: West, Ost, Hochdeutsch
Schweer, schwäär, schwer
Chees, Chääs, Käse
Scheeri, Schääri, Schere
Üüstag, Langsi, Frühling
Iisch, insch (Goms), uns
Liwwuu, hirmu, ausruhen
wier geeh, wiär gääh, wir gehen

Spezielle Begriffe

«Ausserschweiz» («Üsserschwiz» ausgesprochen), wird für die Schweiz ausserhalb des Kantons Wallis verwendet. Schweizer, die nicht aus dem Wallis stammen, werden als Üsserschwizer (Ausserschweizer) oder alternativ als Grüezini bezeichnet, weil das in der übrigen Deutschschweiz verbreitete Grusswort «Grüezi» im Wallis nicht üblich ist. Da «Grüezi» im Berndeutschen ebenfalls unbekannt ist, werden Berner als Bäji (Plur. Bäjini) bezeichnet.

embrüff und embrii: hinauf und hinunter
emüächa und emab: hinauf und hinunter
obschig und nidschig: hinauf und hinunter
ämi(cha) und ämüs(a): hinein und hinaus

Oft werden umgangssprachlich auch heute noch alte und traditionelle Begriffe benutzt. Für diese gibt es zwar auch ‚modernere‘ und in der ganzen Schweiz verbreitete Synonyme, welche aber seltener benutzt werden.

Tschifra / Tschifru: eine Traghutte, die auf dem Rücken getragen wird
Schwinggi / Gäschi: Schwein
Lattüechji / Häärleischji: Zauneidechse
Pfiffoltra / Pfiffoltru: Schmetterling
Geifetsch: Morgennebel
Üstag: Frühling
Zudella / Gschirr : Eimer
Frontag: Donnerstag
Hopschil oder Hopschul: Frosch
es älfs Euwi: Ein braunes Mutterschaf
Grüsch: Bettflasche
Boozu: Geist, häufige Gestalt in Walliser Sagen
Botsch, Botschji / Büäb: Junger Knabe, Bursche
Manot: Monat / Mond
Meijä: Blumen
Putti: eine (weibliche) Brust, Mehrzahl: Puttini
Puttitschifra /-u: Büstenhalter
Tschuggu: Fels
Tschuttu: Fussball spielen
Puntu: Zapfen vom Französischen
Pusset: Kinderwagen
Guttru: Flasche
Schriibi: Schreibstift
Fiir: Feuer
Triibel: Weintrauben
Port(a): Tür
Ginschet: Türgriff
Frigor: Kühlschrank
sienta : Hie und da
en Schutz : Eine Weile
gummpu : Hüpfen oder Springen

Bisch-mus?: Zusammensetzung aus «Bist du es ihm?» (Im Sinne von «Schaffst du die Aufgabe?»),

Grundsätzlich mit allen Formen/Zeiten des Verbs ’sein‘ möglich (Ich bi-mus, Bisch-mus, Isch-er-mus, Wier si-mus, Sid-er-mus, Sind-sch-mus)

Giz-där-schi?: Zusammensetzung aus «Gibt es sich dir?» (Im Sinne von «Ist es bequem / fühlst Du dich wohl?»),

summi : manche / einige

Wie in anderen Sprachen gibt es auch im Walliserdeutschen falsche Freunde bei der Übersetzung ins Deutsche. Zum Beispiel:

hocku : sitzen (und nicht etwa hocken oder in die Hocke gehen, dieses bedeutet grüppu)

tricker : Fernbedienung (und nicht Drücker, auch wenn die wdt. Bezeichnung natürlich von seiner Benutzweise hergeleitet ist)

Konjugation der Verben

Im Walliserdeutschen existieren nur zwei Tempora, nämlich das Präsens und das Perfekt. Um zukünftige Ereignisse auszudrücken wird eine adverbiale Bestimmung benötigt, wie es auch im Deutschen möglich ist.

Ein Beispiel: „Ich werde morgen für zwei Wochen nach Frankreich verreisen.“ / „Ich verreise morgen für zwei Wochen nach Frankreich.“ Derselbe Satz kann auf Walliserdeutsch nur lauten: „Ich gaa mooru fer zwei Wuche uf Frankriich.“

Im heutigen Sprachgebrauch und vor allem unter den Jugendlichen hat sich eine ans Deutsche angelehnte Form des Futurs ausgebildet, die es im Walliserdeutschen so nicht gibt. Deshalb kann es geschehen, dass man den obigen Satz auch so hört: „Ich wäärdu mooru fer zwei Wuche uf Frankriich gaa.“

Das Perfekt wird gebildet aus einem Hilfsverb im Präsens und dem Perfektpartizip des Vollverbs. Als Hilfsverben treten wie auch im Deutschen „sein“ und „haben“ („sii“ und „hä“) auf. Das Perfekt wird verwendet um jegliche Art von Vergangenem auszudrücken, da weder ein Präteritum noch ein Plusquamperfekt existiert.

Das Passiv wird nicht wie im Deutschen mit dem Hilfsverb „werden“, sondern mit „kommen“ („cho“) gebildet. Wie schon bei Aussagen in der Zukunft wird im Passiv dennoch die eingedeutschte Variante mit „werden“ („wäärdu“) benutzt. Auch hier wieder ein Beispiel: „Wird diese Arbeit noch heute erledigt?“ heisst auf Walliserdeutsch eigentlich „Chunt di Aarbeit nu hitu gmachti?“. Man kann dem Satz allerdings auch solcherart begegnen: „Wird di Aarbeit nu hitu gmacht?“.

Auffallend ist, dass im ersten Beispielsatz das Partizip dekliniert ist, im zweiten jedoch nicht. Partizipien werden normalerweise an das Subjekt in Genus und Numerus angepasst. In der „deutscheren“ Variante klänge das wohl ein wenig seltsam, deshalb unterlässt man es intuitiv, das Partizip anzupassen. Des Weiteren kann es auch vorkommen, dass das Partizip auch im ersten Beispielsatz (fälschlicherweise) nicht angepasst wird.

sein

Untenstehend die Konjugation des Verbs „sii“ (sein):

Infinite Verbformen:

Infinitiv: sii
Partizip Präsens: –
Partizip Perfekt: gsi

Singular Plural Singular Plural
1. Person ich bi wier sii 1. Person ich bi gsi wier sii gsi
2. Person du bisch ier siid 2. Person dü bisch gsi ier sid gsi
3. Person äär isch schii sind 3. Person äär isch gsi schii sind gsi

regelmässige Konjugation

In der folgenden Tabelle ist die regelmässige Konjugation anhand des Verbs „lüegu“ (schauen) veranschaulicht.

Infinite Verbformen:

Infinitiv: lüegu
Partizip Präsens: (lüegund)
Partizip Perfekt: glüegt

Singular Plural Singular Plural
1. Person ich lüegu wier lüege 1. Pers ich hä glüegt wier hei glüegt
2. Person du lüegsch ier lüeget 2. Pers du hesch glüegt ier heit glüegt
3. Person äär lüegt schii lüegunt 3. Pers äär het glüegt
schii hent glüegt

Literatur

Bohnenberger, Karl: Die Mundart der deutschen Walliser im Heimattal und in den Außenorten, Frauenfeld 1913 (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik 6). Grichting, Alois: Wallissertitschi Weerter. ISBN 3-97816-74-9 (formal falsche ISBN), korrigierte ISBN 3907816749

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7 Gedanken zu “Dialektmobbing – Walliserdeutsch unter Beschuss

  1. Pingback: . » Blog Archive » René Kuhn doppelt nach: 2 Fliegen mit einer Klappe!

  2. Recht haben Sie! Wenn ihr Job dabei nicht auf dem Spiel stehen würde, würde ich ihnen raten, diesen Deppen Mal gepflegt auf Mundart eine Schelte zu erteilen.

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    • 1. Nicht nur Üsserschwiizer und das herabwertende Grüazi, sondern – in Visp – auch noch Chrütggagger.
      2. Richtig, das wegen dem Futur…hinzu kämen noch ganz viele – unnötige – Germanismen/Grüazismen, wie etwa „nöi“ statt dem bald aussterbenden „niww/niiw“; das Pferd scheint das Reschi auch schon zu überholen. Nackt statt plutt und „mittlerwilu“ statt „bussig/unnerbussig“. Die Verluderung findet vorab in den Medien statt, d.h. v.a. Radio Rottu, wo die Sportreporter ständig „der Ball“ statt „die Balla“ usw. verwenden.
      3. Dasselbe wegen dem Futur geht auch das Passiv an. So hört man nur noch fast „wiär wärde ggmobbti“ statt „wiär chumä/chomä ggmobbti“.
      4. Es ist in den Medien und in den Schulen anzusetzen, damit nicht noch der Rest verludert

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