Montag(s)tücke

Drei Uhren ticken. Dreimal tickt die Zeit voran. Dreimal Montag. Ich höre mit zwei Ohren das Ticken
von drei Uhren. Die drei Ticken bilden Taktverschiebungen und schieben mich immer näher zum
Bettrand.


Die Laken bezirzen mich mit meiner eigenen Körperwärme. Diese Hyänen! Diese Kätzchen.
Diese süssen Schafe, diese weichen Angorakaninchen….
Der Montag lädt mich zum Frühstück ein. Aber meistens gibt es dort immer die gleiche Torte, deren
Geschmack sich jeden Tag insofern verändert, dass die Torte täglich etwas älter ist. An ganz
besonderen Tagen gibt’s verfallene Schokostreusel dazu. Der Tee aber, der ist immer bitter. Und
immer kalt. Bitterkalt.
Ich habe es mir angewöhnt, den kleinen Finger vom Hänkel der Teetasse zu spreizen, wenn der
Montag einlädt.
Drei Gezeiten treiben mich ans Bettufer. Aber Halt. Drei? Seit wann denn drei? Ich kann mich nur an
eine Wanduhr und an einen Wecker erinnern, die ticken sollten. Ich habe zwar eine Armbanduhr, aber
eine digitale. Warum? Na weil dieses Geticke über Nacht, davon bin ich fest überzeugt, muss doch
einfach am Geduldsfaden des guten, tiefen Schlafs nagen! Kein Wunder sieht man dann im Bus
solche Morgenleichen im Sumpf umhertreiben, die darauf warten, herausgefischt zu werden. Ich
wette, bei denen tickt über Nacht eine Uhr zuviel!
Wo war ich? Ach ja, woher kommt das dritte Ticken??? Jeder einzelne meiner Sinne beginnt, seine
Augen zu öffnen. Aber ich fühle mich trotzdem wie ein Maulwurfwelpe.
Vielleicht sollte ich zuerst pinkeln gehen? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Welt danach um
ein paar Zentiliter leichter zu ertragen ist. Ausserdem: wer will schon unnötigen Ballast aus seiner
Vergangenheit in einen neuen Tag nehmen, wenn er schon die Möglichkeit hat, ihn loszuwerden??
Nachdem ich aus dem Bad zurückkehre höre ich bereits auf dem Weg zurück in mein Zimmer das
dritte Ticken an den Wänden entlanghüpfen. Jetzt bloss nicht nervös werden. Ich bin kein
Morgenmuffel, vorausgesetzt der Tag beginnt nach einem gewissen, einzuhaltenden, sich
wiederholenden Schema. Obwohl es noch nie einen Tag gab, an dem ich das Schema exakt einhalten
konnte. Hab ich schon die Schokostreusel erwähnt?
Einige solcher Streusel schneien mir jetzt im Sekundentakt aus dem Zimmer entgegen Ich lasse mein
Ohr umherschnüffeln. Erfolglos. Das dritte Ticken lässt sich nicht lokalisieren .Es klingt viel heller und
schneidender als das meiner beiden braven Zeitsklaven. Als würde es die Zeit in kleine,
sekundendünne Scheibchen schneiden. Der Gedanke, am Montagabend den ganzen Tag in kleinen
hauchdünnen Tranchen vor mir angerichtet zu sehen, macht mich hungrig aufs Frühstück.
Ich lege die Suche auf Eis und ziehe meine Bahn durch die Küche, wo ich graziös ein paar Pirouetten
aus Honig auf ein nicht mehr allzu frisches Stück Brot triefen lasse. Im Anschluss daran gönne ich mir
meine morgendliche Koffeinration.
Vielleicht hat das Ticken bereits aufgehört (?), was unwahrscheinlich ist, denn wenn es eine
handelsübliche Uhr ist, dann wäre der einzige Grund für ihr Verstummen, dass ihre Batterien flach
sind oder ihr Uhrwerk aufgezogen werden müsste und dies wiederum hätte sich schon vorhin
ankündigen müssen, in dem sie langsamer getickt hätte als die anderen, was sie aber mit Sicherheit
nicht getan hat denn das hätte ich bemerken müssen. Wenn ich einen Takt wirklich gut kenne, dann
diesen! Wäre es eine Bombe, hätte ich das Nichtticken nicht mehr miterlebt.
Ich bin also gefasst als das dritte Ticken sich aus der Stille herauskristallisiert. Für grosse analytische
Strategien fehlt mir allerdings die Zeit, denn der Montag ist schliesslich schuld daran, dass es tickt!
Ich entscheide mich, die beanspruchten Frequenzen des Tickens aus meinem Gehörfeld mit kaltem
Wasser des Badezimmerwasserhahns zu überfluten. Nach meinem Tauchgang konzentriere ich mich
auf Borsten, die an meinem Elfenbein kratzen.
Ich drehe den Wasserhahn zu und blicke in den Spiegel. Die Begeisterungsstürme bleiben aus.
Es tickt. Mein Magen fühlt sich plötzlich an, als würden ihm Haare wachsen. Ich eile ins Zimmer und
suche den roten Faden der mich aus diesem Wald führt. Jeder Schritt zieht das Knacken dreier Äste
nach sich. Ich hebe Kissen, durchwühle Kleider, öffne Schubladen und reisse Schranktüren auf.
Hinter mir lauert der Montag und weht mir den Faden vor den Ohren weg. Mein Magen ist jetzt ganz
pelzig und schwitzt Die Sekundenklinge gleitet plötzlich auch an mir kalt und hart entlang.
Ich nehme meinen Wecker in die Hand und halte ihn gegen mein rechtes Ohr und ich schöpfe Mut,
entschliesse mich zur Flucht. Ich ziehe mich schleunigst an, renne zur Wohnungstür und drehe mich
ein letztes Mal zu meiner Zimmertür um. Mikroskopische Schallmauern schlagen mir entgegen. Ich
schliesse die Tür hinter mir und drehe mich um. Vor mir liegt der Montagmorgen wie ein grosser Laib.
Nichts wünsche ich mir sehnlicher, als dass heute alle Klingen für einmal stumpf wären.

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