Die SBB und ihre Hiobsbotschaften

Die Schweizerischen Bundesbahnen warten mit immer neuen Überraschungen auf um Ihre Fahrgäste zu beeindrucken. Leider sind die positiven Überraschungen aber schon seit einer ganzen Weile auf den Gleisen geblieben…

Da wäre zum Ersten der Fall „das abonnierte Halbtax mit Visa-Karte“ : pünktlich zum Platzen der Kreditblase in den USA welche eine weltweite Finanzkatastrophe ausgelöst hat. Das besondere an diesem Produkt ist aber, dass man eine Kreditkarte benötigt, um dieses Halbtax mit Kreditkarte überhaupt bezahlen zu können. Andere Zahlungsweisen wie etwa via Einzahlungsschein sind offensichtlich zu „aufwändig“, wobei sich ja der geneigte ÖV-Benutzer fragen muss, wozu er denn ein Halbtax mit Kreditkarte benötigt wenn er ja schon eine Kreditkarte hat; ein dezenter Hinweis darauf, dass jeder ÖV-Benutzer mindestens bei Zwei Kreditfirmen in der Kreide stehen sollte?

Aber das eigentliche Topthema dieser kleinen Meinungsdeklaration ist und bleibt die erste Klasse. Wollen wir doch bitte ehrlich sein: widerspricht eine solche Unterteilung der Kunden nicht massiv allen demokratischen Werten? Ich kann ja nachvollziehen, dass ein Reicher sich einen Plasma-Bildschirm kauft und der Durchschnittsbürger einen LCD-Screen, aber in Sachen ÖV geht es nicht um ein bisschen Unterhaltung oder Luxus, es geht darum, dass die Leute zur Arbeit hinkommen müssen und auch wieder nach Hause. In vielen Ballungszentren ist es schlicht nicht mehr möglich, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, vor allem: wenn alle Fahrgäste der SBB, welche sich in den letzten Jahren übers Ohr gehauen gefühlt haben, auf den Privatverkehr umsatteln würden, hätten wir sehr schnell ein Platzproblem auf den Strassen. Somit steht die SBB (zumal sie ein ehemaliger Bundesbetrieb ist) in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, auch aus Sicht des Umweltschutzes.

Aber das ist noch nicht alles: während sich in den Stosszeiten die „Normalos“ wie Vieh in die Wagen zwängen müssen, herrscht in der 1. Klasse meistens absoluter Platzüberschuss. Das Wagenmaterial, die Wartung, das Personal sind also längst finanziert, und es gleicht einer Schikane, dass die SBB nicht bereit ist, in den Stosszeiten auf die obligaten Klassenwechsel zu verzichten und die Leute einfach den Zug gleichmässig ausfüllen zu lassen. Es ist lächerlich. Denn wie gesagt: hier geht es nicht um einen Luxusartikel.

Eine besonders tolle Nachricht fand ich auch jene, in der verkündet wurde, dass die SBB einerseits die Preise für das Lösen der Billete in den Zügen erhöhen und zugleich die 1. Klasse weiter ausbauen, mit noch mehr Luxus und Prestige anreichern – von Lounges war die Rede, glaube ich. Das bedeutet dass ich mit etwas Pech an einem unbemannten Bahnhof am Automaten eine Fahrkarte bezahlen möchte und der BATS defekt ist. Wenn ich nun in den Zug steige werde ich zusätzlich 10.- bezahlen müssen weil ein Gerät der SBB nicht funktioniert. Das Geld landet in einem Topf und aus diesem Topf wird dann auch der Ausbau der ersten Klasse finanziert.

Das heisst im Klartext dass er Bürger dazu genötigt wird, das komfortable Reisen der „oberen Kaste“ zu finanzieren. Sehr sympathisch, erinnert irgendwie an Versailles.

Sicher, man kann ja über alles hinweg sehen, aber ich möchte doch auch mal auf den Punkt bringen, dass 1.-Klasse-Fahrer in aller Regel eingebildete Leute sind; nicht zuletzt sind es Menschen die sich ihres Vermögens offensichtlich nicht schämen, sondern sogar damit hausieren gehen wie gut es ihnen geht ; und das in einer Welt in der immer noch Kinder verhungern. Sicherlich hocken auch viele in der ersten Klasse, deren Fahrkarte von einer Firma bezahlt wird. Aber auch hier frage ich mich: hätte die Firma dieses Geld nicht besser einsetzen können?

Ja sicher, Mittelständige selbst fänden es unwirklich wenn ein UBS-CEO plötzlich fragen würde, ob neben ihnen in der zweiten Klasse der Platz noch frei ist, aber ist das nicht ein Anzeichen dafür, wie sehr die Dekadenz dieser Handhabe bereits akzeptiert worden ist? Selbst Bundesräte fahren 1. Klasse, aber warum eigentlich wenn das echte Volk doch in der 2. Klasse sitzt?

Aber das alleine ist noch gar nicht der wirkliche Grund meines Ärgers. Langjährigen Zugbenützern ist es sicher längst aufgefallen, dass die 2. Klasse allmählich zur Holzklasse verkommt. Das ist kein Zufall. Es gibt einen Grund warum die Wagen immer verwahrloster aussehen. Das ist nicht der zunehmende Vandalismus, sondern ironischerweise ist das Gegenteil der Grund dafür:

Die Reinigungspraxis der SBB hat sich in den letzten Jahren insbesondere in der zweiten Klasse stark verändert: die Wagen werden nur noch nass gereinigt, wenn eine genügend starke Verschmutzung vorliegt, in anderen Fällen wird lediglich der Abfallkorb geleert und gekehrt, das heisst im Klartext, dass der sauberste Zug der ist in dem am Vorabend einer gekotzt hat und dass nur die Scheibe sauber ist, an welcher am Vortag noch eine Gurke geklebt hat.

Die SBB sei zu dieser Massnahme „gezwungen“ weil sie nicht mehr „über die nötigen Ressourcen“ verfüge, um alle Wagen nass zu reinigen. Nicht genügend Ressourcen? Das ich nicht lache! Würden die Leute aus der Chefetage nur auf einen Bruchteil ihres Jahresgehalts (welcher ohnehin überrissen ist, wie in allen Firmen mittlerweile) verzichten würden, könnte ein gewisser Hygienischer Standard sicher durchaus aufrecht erhalten werden. Aber: den Schweizerischen Bundesbahnen geht es jetzt erstmal um das Recht der Reichen auf eine luxuriöse Fahrt. Das muss man akzeptieren, oder? Man hat ja keine Wahl wenn man die Monopolstellung des Unternehmens berücksichtigt.

Meiner Ansicht nach ist das Klassensystem schlicht überholt und es wird Zeit, dass in einen einheitlichen Standard investiert wird, welcher die Leute nicht mehr anhand ihres Vermögens trennt, sondern jedem Bürger die Möglichkeit auf einen sauberen und einigermassen angenehmen Transport ermöglicht. Auf den Spannteppich und die hübschen Muster auf den Polstern können sicher auch die Snobs verzichten. Somit würde auch das Problem der Stosszeiten gelöst.

Aber nein, die SBB liebäugelt lieber mit einem neuen 9 Uhr -GA, welches die Kunden lediglich in ihrer Wahlfreiheit einschränkt und im Grunde genommen denen, welche wirklich des Job wegens keine andere Wahl haben nicht im Geringsten entgegenkommt. Lieber wird jetzt in Marketingstrategien und Produktlancierung investiert, statt den Irrsinn der Klassengesellschaft ein für alle mal zu begraben und damit ein klares Zeichen zu setzen, nämlich:

alle sind gleich. Und da gibts keinen der gleicher ist als andere. Ende!

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2 Gedanken zu “Die SBB und ihre Hiobsbotschaften

  1. naja erste und zweite klasse ist ja ok für mich. wichtiger und nerviger ist die andauernde verspätung der regionalzüge, und dies vorallem unsinnigerweise zu randzeiten (schläft da mal n bahnübergangswächter ein oder wieso kommen die zu spät?) und wie erwähnt der hygienestandart, bei dem ich mittlerweile die hose wechseln muss bevor ich zuhause aufs sofa sitze, nachdem ich mit so einem zug gefahren bin. und dauernd höhere preise.

    scheiss sbb!

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  2. Was die Verspätungen zu Randzeiten betrifft, muss ich die SBB teils in Schutz nehmen, denn: Da der europäische ÖV immer vernetzter wird, hängt der Einwandfreie Ablauf stark davon ab, ob italienische oder französische Züge pünktlich sind, wobei gerade diese beiden Länder einen niedrigen Standard in Sachen Pünktlichkeit haben. Kleinere Pannen oder Probleme mit Fahrgästen tuen ihr übriges. Zwangsläufig wirkt sich dies dann im Verlaufe eines Tages auf die Randzeiten aus, in denen die Züge dann merklich verspätet unterwegs sind. Meiner Ansicht nach kann die SBB nur wenig dafür, dass es zu grösseren Verspätungen kommt, da ich aus eigener Erfahrung sagen kann, dass die SBB strenge Arbeitszeit-Richtlinien durchsetzt und fehlbare Mitarbeiter streng beurteilen.
    Die Preiskorrekturen nach oben halte ich allerdings auch für eine fragwürdige Praxis, zumal ich denke dass das Geld einfach nicht in die relevanten Bereiche zurückfliesst, sondern auf die Konten der Topmanager.

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