Zum 60. Todestag von George Orwell

Orwells Bücher, Orwells Staat, Orwells Epoche – jeder weiß, was gemeint ist: das Zusammenschließen von Personal­informationssystemen, Volkszählung, Rasterfahndung, fälschungssicheren Ausweisen und dem Video-Auge über dem Arbeitsplatz und in der eigenen Wohnung. Big Brother is watching you – der Große Bruder beobachtet dich. „1984“ und „Animal Farm“ sind geschrieben mit der Erfahrung des Nationalsozialismus, aber auch mit dem Stalinismus im Kopf, dem Elend Nachkriegsenglands vor Augen und der Idee der Videokamera. Der Große Bruder trägt Stalins Züge, und der Terror ist eher den Moskauer Schauprozessen abgeschaut als Auschwitz.

War Orwell zu pessimistisch? Weder ist der Atomkrieg schon ausgebrochen noch hat uns der wirtschaftliche Mangel bis heute in den autoritären Staat getrieben. Aber im Prinzip plagen uns die alten Befürchtungen: die fällige Umverteilung zwischen Nord und Süd, die Unberechenbarkeit eines globalisierten Kapitalismus, die Verletzbarkeit der hochtechnisierten Welt durch den Terror, vielleicht – und daraus resultierend – der „Krieg der Kulturen“ statt des älteren Kalten Kriegs der Systeme, wie Orwell ihn erlebte.

Das Bild, das wir von diesem Schriftsteller haben, ist ein bißchen festgelegt durch seine „schwarzen“ Utopien. Selbst wer sich mit Bewußtsein auf Orwell bezieht, denkt in der Regel nur an die satirischen Romane, nicht aber an die Arbeiten des Journalisten und Essayisten Orwell, obwohl gerade sie von eminenter Bedeutung sind. Vielleicht machen sie, in rein literarischer Hinsicht, sogar den bleibenden Teil seines Werkes aus. Man muß die berühmten Bücher in den Zusammenhang seiner politischen und kulturkritischen Publizistik stellen, dann erst erhalten sie die richtige Beleuchtung, bewirken anderes als die hysterische Furcht vor Großen Brüdern, Bespitzelung und Folterkellern.

Als Person blieb Orwell zeitlebens sonderbar anonym – er selber hat es testamentarisch untersagt, dass eine Biographie über ihn geschrieben würde. Er wurde 1903 in Bengalen geboren, wo sein Vater in der Kolonialverwaltung beschäftigt war. In England besuchte er erstklassige Schulen, darunter das Elite-Institut von Eton. Nach dem Schulabschluss war er fünf Jahre Polizeisergeant in Burma. 1927 kehrte er als erklärter Gegner des Imperialismus und mit angegriffener Gesundheit nach Europa zurück. Die folgenden Jahre verbrachte er als Tellerwäscher, Hauslehrer und Gelegenheitstramp in Paris und London, hauptsächlich aber als angehender Schriftsteller, der 1933 – da war er dreißig Jahre alt – sein erstes Buch publizierte: „Erledigt in Paris und London“, eine Art frühe Sozialreportage über seine Streifzüge durch die Reviere der Armut. 1937 nahm er als Freiwilliger am Spanischen Bürgerkrieg teil, den er später in einem fesselnden Buch beschrieben hat. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte er – wegen einer Lungentuberkulose dienstuntauglich – als Mitarbeiter der BBC und Literaturredakteur der linksstehenden Zeitung Tribune. Schon damals war er ein namhafter Autor, dessen Ansehen vor allem auf seinen brillanten, in einem glasklaren und pointierten Stil geschriebenen Reportagen und Essays beruhte.

Als linker Autor und Sozialist, als der er sich immer wieder bezeichnete, war Orwell ein sonderbarer Kauz. Zeitleben hegte er einen nie verhohlenen Widerwillen gegen Losungen und Parolen und gegen jede Art von Theorie. Obwohl es bei ihm an Bekenntnissen zum Sozialismus nicht fehlt, handelt es sich eher um einen Gefühlssozialismus, dem populistische Züge nicht fehlen. Deutlicher als seine Solidarität mit den Benachteiligten, sein Mitgefühl mit den Unterdrückten, ist seine Abneigung gegen die oberen Klassen, die Reichen, die Herrschenden oder ganz allgemein gegen die Macht. Parolen und Theorien, auch solche von links, scheinen für ihn ein Mittel der Macht zu sein; deswegen mißtraut er ihnen und wird nicht müde, sie zu entlarven und auf die Übereinstimmung von Wort und Sinn zu pochen. Das prädestinierte ihn dazu, die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis im Sowjetkommunismus aufzudecken.

Aber Orwell hat sich nicht nur eine Welt der Unfreiheit ausgemalt, sondern auch die Welt einer schrankenlosen Freiheit des Konsums, in der er eine andere Art von Unfreiheit sah. Seine Kritik des politischen Totalitarismus war lediglich die Kehrseite seiner Kritik am modernen hedonistischen Lebensstil, und beide zusammen stellten einen Sturmlauf dar gegen die Verstümmelungen, die das zwanzigste Jahrhundert mit sich gebracht hat. In diesem Sinn war Orwell ein „Prophet der Ernüchterung“ (so nennt ihn Klaus Harpprecht in seinem Feature zum 100. Geburtstag des Schriftstellers): die Entzauberung aller Ideologien, die erst am Ende des Jahrhunderts vollständige Wirklichkeit wurde, hat Orwell vorweggenommen.

Was in seinen politischen Schriften immer wieder verblüfft, ist die Unmittelbarkeit, die Direktheit, der Instinkt, der Orwell davor bewahrt, schematisch zu werden, in die Fallen irgendeiner Orthodoxie zu gehen, und die Sicherheit, mit der er seinen Sinnen vertraut und am Ende auch seinem Urteil. Man kann den Kuchen nicht aufbewahren und essen – mit dieser simplen Einsicht kommt er sehr weit, findet Mittelwege, die keine bloßen Kompromisse sind, bringt Haltungen auf einen Nenner, die wir der einen oder anderen Seite zuzuschlagen gewohnt sind. Orwell hat, mit einem Wort, den gesunden Menschenverstand rehabilitiert. Man kann ein noch besseres englisches Wort dafür wählen und von common sense sprechen. Einer seiner großartigsten Texte, geschrieben 1946, beschäftigt sich mit den „Vergnügungszentren“ der Zukunft; darin heißt es: „Vieles von dem, was so als Vergnügen ausgegeben wird, ist nur ein Versuch, das Bewusstsein zu zerstören. Der Mensch bleibt nur menschlich, wenn er große Flecken von Einfachheit in seinem Leben bewahrt, während die Tendenz vieler moderner Erfindungen dahin geht, ihn den Tieren anzunähern.“

«Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, anderen Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.»
«Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei und zwei vier ergibt. Wenn das garantiert ist, folgt alles andere von selbst.»
«Der Liberale ist ein Anbeter der Macht ohne Macht.»
«Man hat gewöhnlich nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen zwei Übeln zu wählen.»
«Die Schwäche aller linken Parteien ist ihre Unfähigkeit, etwas Wahres über die unmittelbare Zukunft zu sagen.»
«Mit fünfzig hat jeder das Gesicht, das er verdient.»
«Der ist der beste Lehrer, der sich nach und nach überflüssig macht.»
«Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.»


Orwell – ein Verräter?

Skandal! George Orwell war ein Verräter! Anlässlich seines heutigen 100. Geburtstages wird ruchbar, dass der Autor von „Animal Farm“ der britischen Regierung kurz vor seinem Tod 38 Namen von Leuten weitergab, die er verdächtigte, Kommunisten zu sein!

Tatsächlich muss der Schriftsteller gleich in drei Punkten für schuldig befunden werden. Erstens war er ein englischer Patriot; als 1939 Hitler und Stalin gemeinsam Polen überfielen, vollführte er den bedeutendsten politischen Schwenk seines Lebens und verwandelte sich in einen Unterstützer von Winston Churchill. Fortan betrachtete er die englische Lebensweise als das zuverlässigste Bollwerk gegen den Faschismus. Zweitens liebte er die Freiheit. Orwell war ein kalter Krieger, bevor es diesen Terminus überhaupt gab; er sah in der Sowjetunion nie ein hoffnungsvolles „Experiment“, sondern nur einen Feind. Drittens war Orwell bis zum Ende seines Lebens ein radikaler Linker. Das beste Mittel, den Kommunismus zu bekämpfen, sah er darin, dass im Westen eine sozialistische Alternative aufgebaut werde.

Und viertens war Orwell verliebt. Er übergab seine Notizen keinem unrasierten Agenten mit Schlapphut, sondern Celia Kirwan, einer schönen, brillanten, jungen Frau, die für das Außenministerium arbeitete. Orwell selbst spielte die Bedeutung seiner Liste herunter: „Sie ist nicht besonders sensationell, und ich vermute nicht, dass sie Deinen Freunden etwas enthüllen wird, was sie nicht schon wissen.“ Sie enthält ein paar berühmte Namen (Charlie Chaplin, J.B. Priestley) und viele Fragezeichen, aber kaum handfeste Anschuldigungen.

Die härteste Anklage – dass der Journalist Peter Smollett „some kind of Russian agent“ sei – hat sich mittlerweile bestätigt. Smollett, der verhindern wollte, dass „Animal Farm“ gedruckt wird, war tatsächlich ein sowjetischer Spion.

Die britische Regierung hat sich übrigens auf grauenhafte Weise an ihm gerächt. Sie verlieh ihm einen Orden. Überhaupt ist keinem der 38 wirklichen oder vermeintlichen Sympathisanten, die Orwell namhaft machte, irgendetwas passiert. Das war auch nicht der Sinn dieser Liste; es ging darum zu verhindern, dass bei der Schlacht gegen die Propaganda des Ostblocks ausgerechnet Leute eingesetzt würden, die auf der Gehaltsliste des KGB standen.

Neu ist übrigens nur, dass wir jetzt die Notizen und die Namen schwarz auf weiß vor der Nase haben (sie wurden aufgrund eines idiotischen Gesetzes geheimgehalten). Dass die Liste überhaupt existierte, gab schon einmal Anlass zu Skandalgeschrei. Es war schon damals unberechtigt. Denn just dieses Faktum stand in Bernard Cricks Orwell-Biografie, die in den achtziger Jahren erschien.

2009 – das Exempel von Amazon

Amazon löschte Eigentum seiner Kunden: Ausgerechnet die Orwell-Bücher „1984“ und „Farm der Tiere“ verschwanden aus dem Speicher von Kindle-Lesegeräten, obwohl deren Besitzer sie gekauft und bezahlt hatten. Ein Lehrstück über Macht und Rechte im Zeitalter totaler Vernetzung. Grund: die Titel gelangten fälschlicherweise in den Store und der Lieferant machte seine Rechte geltend. Gleichzeitig wird hier ganz deutlich ein Exempel statuiert, wie es Orwell selbst nicht besser hätte beschreiben können. Ironie von was auch immer, aber auf jeden Fall Ironie!

Diskurs über Orwell

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Ein Gedanke zu “Zum 60. Todestag von George Orwell

  1. 1984 = Realität? notepad

    Februar 2010

    Am 2. Februar publiziert TerrorExperte ‚Weihnachtsbomber: Inside Job-Verdacht erhärtet – 5.Kolonne schweigt‘.

    Am 3. Februar 2010 schreibt Automobil Blog ‚Audi-Super Bowl-Kampagne “Green Police” – ein PR-Desaster?‘.

    Am 8. Februar publiziert Alles Schall und Rauch ‚Audi-Werbung zeigt die Zukunft des Ökofaschismus‘.

    Am 13. Februar schreibt Alles Schall und Rauch ‚Griechenland wird in eine bargeldlose Gesellschaft umgewandelt‘.

    Am 14. Februar publiziert der Spiegel ‚Griechenland zahlte 300 Millionen Dollar an Goldman Sachs‘.

    Am 15. Februar schreibt Infoblogmedia ‚SPIEGEL-Online: WTC 7 “wegen Bränden eingestürzt”‘.

    Am 16. Februar schreibt Alles Schall und Rauch ‚Spanischer Geheimdienst untersucht spekulativen Druck auf Spanien‘ und der Spiegel schreibt ‚Bodybuilding für Big Brother‘.

    Januar 2010

    Am 31. Dezember 2009 publiziert die Nürnberger Zeitung ‚Nackt vor den Sicherheitsleuten? Nein danke!‘.

    Am 15. Januar 2010 schreibt Imagetours ‚Sicherheit am Flughafen: Verursachen Körperscanner Krebs?‘.

    Am 18. Januar schreibt Kopp Verlag ‚Unterschreiben: Online-Petition gegen Nacktscanner‘.

    Am 19. Januar publiziert Kopp Verlag ‚FBI nutzt Foto eines Abgeordneten für Osama-Bildmontage‘.

    Am 20. Januar schreibt Kopp Verlag ‚Körperscanner, Interessenkonflikte und Vetternwirtschaft‘.

    Am 21. Januar publiziert der Spiegel ‚“Donner-Generator“ Druckwellenkanone soll Menschen vertreiben‘ und 20min.ch schreibt ‚Nacktscanner: EU und Schweiz uneinig‘.

    Am 23. January publiziert 20min.ch ‚Ich bin ein Fotograf, kein Terrorist‘.

    Am 24. Januar schreibt der Spiegel ‚Britische Polizei will Bürger mit Drohnen überwachen‘ und SpiegelBlog schreibt ‚Misslungener Anschlag auf Flug 253 nach Detroit: Wie der SPIEGEL einfach ausblendet, dass der US-Geheimdienst mit dahinter stecken könnte‘.

    Am 31. Januar schreibt der Spiegel ‚Autoren der Folter-Memos gehen straffrei aus‘.

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