Sollte ich besser auf die Spritze zum Glück warten??

Beim Bypass wird der Magen bis auf eine etwa pflaumengroße Ausbuchtung abgetrennt. Der kleine Restmagen wird anschließend an den Dünndarm angeschlossen. Um den Effekt zu verstärken, wird auch der Zwölf-Finger-Darm umgangen. Auf diese Weise sollen vor allem Teile des verzehrten Fetts durch den Verdauungstrakt rauschen, statt adsorbiert zu werden. „Das funktioniert auch“, erklärt Bloom Steve. Allerdings schwäche sich der Effekt nach einigen Wochen ab. Dann habe sich der Darm an die Veränderungen angepasst.

Trotzdem ist der Vorsprung gegenüber anderen Methoden gravierend: Studien zufolge verlieren Übergewichtige mit einem Magenballon ca. 20 Prozent ihres Übergewichts, mit dem Magenband sind es sogar bis zu 50 Prozent. Einzig mit dem Magenbypass aber schwinden rund 80 Prozent der überflüssigen Pfunde (1). „Warum das so ist, war lange ein Rätsel“, erklärt Bloom.

Tricksen mit Eiscreme

Erste Hinweise liefert das Essverhalten: Ob Magenband oder Ballon – viele Patienten tricksen ihr verringertes Magenvolumen aus, indem sie hochkalorische Flüssigkeiten konsumieren. „Beliebt sind Eiscreme und flüssige Schokolade“, berichtet der Forscher. Entsprechend hoch sei die Versagensrate. Nur beim Magenbypass lag die Sache anders. „Die Menschen verspüren offenbar tatsächlich weniger Appetit.“

Der Schlüssel zum wundersamen Gewichtsschwund nach der Bypass-Operation sind offenbar bestimmte Botenstoffe, die der Darm ausschüttet. Aufgrund der Operation erreicht vergleichsweise unverdauter Nahrungsbrei schnell die unteren Regionen des Darms. „Im Grunde reagiert der darauf wie bei einer Darmerkrankung“, erklärt der Wissenschaftler. Er funkt eine Störungsmeldung ans Gehirn, das daraufhin die Esslust drosselt.

Mehr als 50 Botenstoffe sind bekannt, die der Darm produziert. „Ihren Einfluss haben wir lange unterschätzt“, sagt Bloom. Bereits bekannte Sattmacherhormone aus dem Darm sind Cholezytokinin, GLP1, Oxyntomodulin und PYY. Außerdem wird durch die Stilllegung des Magens die Produktion des Hungerhomons Grehlin gedrosselt.

Verpuffter Diabetes

Einige dieser biochemischen Mechanismen dürften auch für ein Phänomen verantwortlich sein, das die Wissenschaftler besonders verblüffte: Nach einem Magenbypass normalisierten sich die Blutzuckerwerte vieler bereits an Diabetes erkrankter Patienten rasant – und zwar lange bevor das Gewicht nennenswert dahin geschmolzen war. „Die Darmhormone greifen offenbar regulierend in den Insulinhaushalt ein“, erklärt Bloom. Eine Metastudie mit insgesamt rund 22.000 operierten Diabetikern konnte zeigen, dass 76 Prozent der Patienten anschließend sogar ganz auf blutzuckersenkende Medikamente verzichten konnten (2).

Deshalb überlegen einige Mediziner jetzt, die Indikation für eine Magenoperation zumindest für Diabetespatienten zu ändern. Denn bislang ist die Operation stark fettleibigen Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mindestens 40 vorbehalten, bei Menschen mit Begleiterkrankungen gilt ein Mindest-BMI von 35. Allerdings wird in Deutschland längst nicht jeder Fettleibige operiert, der dafür prädestiniert wäre: Nach Angaben der Ärztezeitung sind es nur etwa 1200 bis 3000 Menschen im Jahr (3).

Immerhin liegt das Risiko, an der OP zu sterben, selbst in der Hand von erfahrenen Chirurgen noch bei 3 von 1000 Patienten. In Kliniken mit geringer Erfahrung kann die Sterblichkeitsrate aber deutlich höher liegen. Hinzu kommen Blutungen und Narbenrisse nach der Operation, die aber in der Regel durch einen weiteren Eingriff behoben werden können.

„Kein Spaziergang“

Auch ohne Komplikationen bleibt der Eingriff schwerwiegend: In den ersten Wochen kann der Patient nur Flüssiges zu sich nehmen und in einer weiteren Phase nur pürierte Kost. Auch später ist es nicht möglich, normale Portionen zu essen. Es kommt zu Übelkeit und Unverträglichkeiten. Steaks, Rohkost und andere schwere verdauliche Speisen, aber auch Süßes bleibt für viele problematisch. Die meisten müssen außerdem lebenslang Nahrungsergänzungsmittel schlucken. „Eine Magenbypass ist kein Spaziergang“, gibt dann auch eine Patientin in einem Abnehmforum zu bedenken. Dessen ungeachtet hat sie es nicht bereut. Sie würde es jederzeit wieder tun.

Spritzen statt Skalpell

Bloom und Kollegen in anderen Forschungseinrichtungen arbeiten derweil an einer Alternative zum Skalpell. „Es wird gelingen, einen Magenbypass medikamentös zu simulieren“, ist der Forscher überzeugt. Dazu müsste ein Cocktail der entscheidenden Darmhormone gemixt werden. Die Wirksamkeit einzelner Komponenten konnten die Forscher bereits nachweisen. Sie ist jedoch begrenzt. Nun gilt es also, die richtige Mixtur zu finden.

Zudem gilt es, einige technische Hürden zu überwinden. Beispielsweise würden Medikamente mit Depotwirkung benötigt, die die Wirkstoffe kontinuierlich freisetzen. Außerdem lassen sich die Hormone bislang nur per Injektion verabreichen. „Oral eingenommen würden sie ganz einfach verdaut“, erklärt Bloom. Anderseits glaubt er nicht, dass Spritzen Abnehmwillige abschrecken würden: „Viele Menschen quälen sich bei eisigem Regen joggend durch den Park“; weiß der Londoner. „Um Gewicht zu verlieren, würden sie noch ganz andere Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen.“

http://www.netdoktor.at

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