Ein Fettreport

Leiden im Schlaraffenland

Mindestens jedes zehnte Kind in der Schweiz ist krankhaft fettleibig.
Fast ebenso verzweifelt wie Erwachsene nehmen die jungen Dicken den Kampf gegen die Kilos auf

Von Irène Dietschi und Andri Pol (Bilder)

Jugoslav rennt. Mit Begeisterung im Gesicht, die dicken Wangen leuchtend rot, beschleunigt er seine Körpermasse über das schneebedeckte Trottoir, um als Erster ins Ziel zu kommen. Doch er hält das Tempo nicht durch – nach zwanzig Metern fällt er wie ein Sack in sich zusammen. Ein anderes Kind, eines aus der Asthmagruppe, gewinnt den Postenlauf durch das winterliche Davos. «Gibt?s jetzt Schoggi?», fragt Jugoslav, als er schliesslich in seinen übergrossen Hip-Hop-Klamotten beim Treffpunkt eintrottet.

Jugoslav Jovic, serbischer Abstammung, aufgewachsen in Bern Bümpliz, ist 15 Jahre alt und versammelt auf seinen 165 Zentimetern Körperlänge 88 Kilogramm Gewicht. Geteilt durch die Grösse im Quadrat ergibt das einen Body-Mass-Index BMI von über 32. Damit ist der Bub stark übergewichtig, mehr noch: Er gilt als krankhaft fettleibig, als adipös. Bei einem BMI von 26 bis 30 sprechen die Mediziner von Übergewicht, liegt der BMI über 30, redet man von Adipositas. Der Fettanteil von Jugoslavs Körper beträgt rund 40 Prozent. Für sein Alter normal
wären 20 bis 25 Prozent. Sein Breitenwachstum habe nach einer Mandeloperation in der dritten Klasse angefangen, sagt Jugoslav. Damals, nach der Rückkehr aus dem Spital, kam die ständige Lust auf Essen: Spaghetti «bolo», Makkaroni mit Ketchup, Curryreis. Am Samstag, wenn er mit dem Vater
in die Stadt fuhr, gab?s das Big-Mac-Menü bei McDonald?s. Langsam, aber ungebremst legten sich die Fettringe um seinen pubertierenden Körper. In den letzten zwei Jahren schnellte sein Gewicht von 70 auf 88 Kilogramm hoch. Jetzt schmerzen ihn oft die Kniegelenke, auch mit dem Rücken hat er Probleme. Schlimmer aber sind die Hänseleien der andern Kinder. «In der Badi riefen sie mir ?Fettsack? nach», sagt er. «Deshalb habe ich mich nicht mehr dorthin getraut.»

Jetzt will Jugoslav abnehmen. Das hatte er schon mehrmals vor – für eine gewisse Zeit besuchte er in Bern eine Sportstunde für Übergewichtige. Genützt hat?s nichts. Nun ist er in der Alpinen Kinderklinik in Davos, die für adipöse Kinder ein in der Schweiz einzigartiges Programm anbietet. Ein Jahr Zeit will man ihm hier geben, um dreissig Kilo abzuspecken und sein Verhalten so zu ändern, dass er das Gewicht auch halten kann. «Mängisch fägts, mängisch ned», sagt Jugoslav über seine ersten Davoser Wochen.

Die Therapie ist speziell – Jugoslavs Leiden ist aber durchaus alltäglich. Jahrelang haben wir beim Thema «Übergewicht» in die USA geschielt und uns an den Bildern zentnerschwerer Menschenexemplare geweidet, die Amerika massenweise hervorbringt. Dabei sind auch wir Europäer immer dicker geworden – unbemerkt, aber stetig; insbesondere die Kinder und Jugendlichen. Was man in Freiluftbädern oder auf Sportplätzen rein subjektiv wahrzunehmen scheint, belegt eine Studie der ETH Zürich mit Zahlen: Gemessen am Body-Mass-Index (BMI), haben zwischen 22 und 34 Prozent der sechs- bis zwölfjährigen Schweizer Kinder Übergewicht. Als extrem übergewichtig gelten zwischen 10 und 16 Prozent.

Egal, ob man sich an den unteren oder oberen Wert hält: Die Ergebnisse sind alarmierend. Wer als Kind dick ist, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Erwachsenenalter sein und mit seinen Kilos nicht nur den eigenen Körper, sondern auch das Gesundheitswesen belasten. Denn Dicke sind kränker als Dünne: Sie verschleissen ihre Gelenke, neigen zu Diabetes, leiden oft unter Bluthochdruck, sind anfällig auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, haben mehr Schlaganfälle und ein erhöhtes Krebsrisiko. 1995 betrugen in den USA die direkten Kosten der Adipositas über siebzig Milliarden Franken – nahezu zehn Prozent der gesamten nationalen Gesundheitsausgaben. Von den Kosten der Folgeerkrankungen zu schweigen. Rauchen und Adipositas sind die drängendsten gesundheitspolitischen Probleme der Gegenwart.

Verzweifelt versuchen die Menschen, die erdrückende Macht des Fettes aufzuhalten. Sie mühen sich in den Fitnesszentren ab, geben in der Apotheke ein Vermögen aus für Fastenkuren wie «Modifast» oder «Herbalife», schlucken rezeptpflichtige Medikamente, die ihnen die Krankenkassen erst ab BMI 35 bezahlen, oder setzen sich bei den Weight Watchers der Erniedrigung des kollektiven Wägens aus. Die ganz Hoffnungslosen lassen sich auf dem Operationstisch ein Band um den Magen legen, um fortan nur noch wie ein Vögelchen zu essen. Zwei von hundert Patienten überleben diesen Eingriff nicht, und ob der Gesundheitszustand der so Verschlankten sich langfristig bessert, ist eher zweifelhaft. Die Erfahrungen weisen im Gegenteil darauf hin, dass etliche Magenbandoperierte nach dem schnellen Gewichtsverlust herzkrank werden – ähnlich wie ehemalige Spitzensportler, denen das grosse Sportlerherz zum Verhängnis wird. Trotzdem warten in den USA rund zehnmal so viele Menschen auf eine chirurgische Magenbandoperation als auf einen Bypass am Herzen. Auch hierzulande erfreut sich die Methode wachsender Beliebtheit.

Derweil wartet die Weltgesundheitsorganisation mit immer erdrückenderen Zahlen auf. Schon vor Jahren schlug sie Alarm in Sachen Übergewicht und sprach von einer «globalen Epidemie». Heute sei etwa eine Milliarde Menschen übergewichtig – genauso viele, wie weltweit unterernährt sind. Ein Viertel davon, also 250 Millionen Menschen, ist adipös, wobei paradoxerweise die Entwicklungsländer die höchsten Zuwachsraten verzeichnen. Prozentual am meisten Dicke haben nach wie vor die USA: 54 Prozent sind übergewichtig, 34 Prozent adipös. In Europa sind die meisten Schwergewichtler in England zu finden, mit 18 Prozent Adipösen und 50 Prozent Übergewichtigen. Und bei all den Diäten, Therapien, Operationen und Fitnessprogrammen werden die wenigsten, die es ernsthaft versuchen, ihr Übergewicht wirklich los. Das Fett, so scheint es, ist stärker als sämtliche Bemühungen, es in den Griff zu kriegen.

Die Kinder haben die besseren Karten. In den Schweizer Städten entstehen laufend neue Adipositas-Gruppen für Kinder und Jugendliche – «Club minu» in Zürich, «Diät Club Castelmont» in Basel oder «Adwin» in Winterthur. In der Gruppe sollen die Kinder den Weg finden zum richtigen Essverhalten, zum Sport, zum Normalgewicht. Schwierigen Fällen, denen auch solche Projekte nichts nützen, bleibt die Möglichkeit Davos. Dort wird Optimismus verbreitet: «Wir rechnen mit einer Heilungsrate von sechzig Prozent», sagt Chefarzt Bruno Knöpfli über die Aussichten adipöser Kinder, die sich in Davos einer stationären Therapie unterziehen. Der Rehabilitationsansatz der Alpinen Kinderklinik, erprobt in Institutionen Kanadas und Deutschlands, ist ein ganzheitlicher: Einerseits stehen die Kinder ständig unter ärztlicher Kontrolle – anderseits sollen sie durch Ernährungs- und Sporttherapie und dank psychologischer und sozialpädagogischer Betreuung lernen, ihr Verhalten zu ändern. Und sie sollen abnehmen. «Wir zeigen ihnen wie», sagt Knöpfli, «aber die Patienten müssen auch ihren Teil leisten.» Bei allem Verständnis für die Probleme der Kinder lässt der Chefarzt keinen Zweifel daran, dass sein Regime ein straffes ist. Eines seiner Prinzipien ist das tägliche Wägen – gegen den Rat der meisten Psychologen und oft gegen den Willen der Kinder.

Jugoslav hat kein Problem damit, jeden Tag sein Gewicht zu erfahren. Isabelle (Name geändert) hingegen schon. Sie stellt sich verkehrt herum auf die Waage, damit sie die Zahl nicht sehen muss. Im Gegensatz zu Jugoslav ist Isabelle nur für sechs Wochen in der Klinik. Was bei dem Jungen aus Bern bei einem ersten Aufenthalt letzten Sommer gescheitert ist, soll bei ihr gelingen: die «ambulanten Massnahmen» von Davos aus so aufzugleisen, dass sie zu Hause das Programm selbständig weiterführen kann – unterstützt von einem therapeutischen Netz, das sie bei drohenden Abstürzen auffängt. Es sei nicht ihr Ziel, schnell abzunehmen, sagt das Mädchen. Mit der 1600-Kalorien-Diät der Klinik habe sie keine Mühe. Ist sie nicht versucht, sich etwas zu kaufen, wenn sie am Kiosk vorbeikommt? «Nein», beeilt sich Isabelle zu sagen. «Mir wird schlecht, wenn ich an Schokolade nur schon denke.» Die Not, die sich hinter diesen Worten und dem abgewandten Blick verbirgt, lässt sich von aussen nur erahnen.

Jetzt ist Isabelle mit Jugoslav zusammen in der Sporttherapie. Um den Bauch einen Pulsgurt geschlungen, mühen sich die beiden Teenager auf dem Velo-Ergometer ab. Das ist anstrengend, macht aber auch Spass. «Schneller», mahnt Marciella, die Trainerin, «wir fahren jetzt den Berg hoch.» 165 Schläge der Puls, meldet Isabelle. 175, prustet Jugoslav. Nach 15 Minuten Schwitzen legen sich die Kinder nach Anleitung Marciellas auf die Gymnastikmatte. Erst soll der Rücken trainiert werden. Dann die geraden Bauchmuskeln. Dann die schrägen Bauchmuskeln. Dann, auf dem Bauch liegend, das Gesäss und die Oberschenkel. Die Spannung zu halten, fällt den Kindern schwer, «zehn, elf, zwölf; noch drei Sekunden», zählt Marciella – da plumpst Isabelle hochrot im Gesicht auf die Matte, dicht gefolgt vom Plumps ihres Kollegen. «Was spürt ihr?», fragt die Trainerin. «Nicht viel», sagt Jugoslav. Isabelle zuckt die Achseln. Dann geht?s wieder aufs Velo.
Dicke Kinder hätten oft gar keinen Bezug zu ihrem Körper, erklärt Marciella nach der Stunde. Wie ein undurchdringlicher Panzer liege das Fett um das Muskelgewebe und blockiere normale Reaktionen. «Ich frage immer wieder, was sie spüren. Dabei kommen oft die erstaunlichsten Antworten. Sie stretchen zum Beispiel den Oberschenkel und sagen, es ziehe im Rücken.»
Nach dem Sport ist Ernährungsberatung angesagt. In dieser Lektion führt die Beraterin ihre Schützlinge in die Welt der ausgewogenen Kost ein: wozu der Körper Eiweisse und Kohlenhydrate braucht, welche Nahrungsmittel Vitamine enthalten, warum zu viele Milchprodukte schädlich sind, wo sich versteckte Fette befinden. Auch das Essen selbst will neu gelernt sein. «Esst langsam und bewusst, kaut die Speisen bis zu 15 Mal, legt zwischendurch das Besteck zur Seite», wiederholt die Lehrerin fast gebetsmühlenartig. In einer der nächsten Lektionen wollen sie zusammen kochen. Eine Trainingsmappe soll helfen, den Kindern die wichtigsten Ernährungsbotschaften immer und immer wieder einzutrichtern. Isabelle ist eine gute Schülerin – sie kennt die meisten Antworten schon im Voraus. Am Wissen scheint es also nicht zu fehlen. Wie nur konnte sich dieses Mädchen 96 Kilo anfuttern? Warum ist es so weit gekommen, dass sie in eine Klinik eingeliefert werden musste?

Die meisten Dicken sind nicht einfach undiszipliniert, sondern gehorchen einem zentralen Gesetz der Natur: Greif zu, solange es hat! Der Esstrieb ist unser stärkster Trieb überhaupt. Evolutionsbiologisch gesehen sind Menschen und Säugetiere nicht für den Überfluss konstruiert, sondern für die Not. In der jahrmillionenalten Geschichte der Menschheit hatten nicht die Ranken und Schlanken die besten Überlebenschancen, sondern diejenigen, die beim Essen die meisten Fettreserven anlegen konnten – wenn überhaupt einmal Essen vorhanden war. Sie waren die «Fittesten» von allen. Sie überlebten die Hungersnöte und pflanzten sich weiter fort. So ergab sich eine natürliche Auslese – die Dünnen hatten das Nachsehen.

Und nun leben die Menschen der Industriestaaten seit rund fünfzig Jahren im Schlaraffenland. Es ist immer und überall genug da. Der Überfluss hat den evolutiven Prozess kurzerhand auf den Kopf gestellt: Die Resistenz gegen Hungersnöte ist heute der Hang zu Fettleibigkeit. Fettpolster sind keine Garanten mehr zum Überleben, sondern machen ihre Träger krank und in der Gesellschaft zu Verlierern. Nicht von ungefähr kommen viele Dicke aus schwierigen Verhältnissen – wie Jugoslav und Isabelle, die beide unter der Scheidung ihrer Eltern leiden; Jugoslav stammt ausserdem aus einer Migrantenfamilie. Obwohl in der Schweiz geboren, hat er sich eher schlecht integriert. In Bern besuchte er eine Kleinklasse; seine Hobbys sind Handy, Playstation und Fernsehen – sie fördern die Bewegung nicht und verleiten zum Essen. Verletzliche, zuwendungsbedürftige Kinder wie Jugoslav oder Isabelle empfangen via Medien sehr effektiv die Werbebotschaft der Nahrungsindustrie: «Konsumiert!» Doch bei den gesellschaftlichen Normen, beim Aussehen und beim Sozialprestige, fallen sie hoffnungslos durch.

Erfolgreicher gehen diejenigen durchs Leben, die den Überfluss im Zaum zu halten wissen – sei es durch Disziplin, sei es dank behutsamer elterlicher Führung durchs Schlaraffenland, sei es durch die genetische Disposition. Gar vieles ist eine Frage der Veranlagung. Manche können nicht eher ruhen, bis sie eine angebrochene Guezlischachtel bis aufs letzte Stück geleert haben. Andere entnehmen der geöffneten Packung gerade mal ein oder zwei Stück und lassen das dritte angebissen liegen. Wieder andere können grenzenlos schlemmen, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen.
Was der Überfluss über die individuelle Ebene hinaus bei einem ganzen Volk anrichten kann, zeigt das Beispiel der Pima-Indianer im US-Bundesstaat Arizona. Die Angehörigen dieses Stammes lebten während Jahrhunderten unter äusserst kargen Bedingungen, was über die Generationen zu einer speziellen genetischen Disposition führte: Sie legten in guten Zeiten erstaunliche Fettvorräte an, um in mageren Phasen davon zu zehren. Unter dem Strich waren die Pima schlank, begünstigt auch durch ihre traditionelle Nahrung aus Wüstenfrüchten, Geflügel, Kaninchen, Fisch aus dem nahen Fluss, Getreide, Bohnen und anderen Produkten aus der Selbstversorgung. Diese Kost hat einen Fettanteil von lediglich 15 bis 20 Prozent.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aber zogen die meisten Pima-Indianer vom Land und der Selbstversorgung weg in die Reservatssiedlungen, um wie alle anderen Amerikaner zu leben. Sie assen Hamburger, hatten Bürojobs und fuhren Auto. Der Fettanteil der Nahrung stieg gegen 40 Prozent. Statt Hungersnöte, an die sie genetisch so gut angepasst waren, kannten die Pima nur noch Überfluss. Sie wurden immer fetter – eine Entwicklung, die bis heute anhält. Mehr als die Hälfte der über 35-jährigen Pima leidet an Diabetes, eine Folgeerkrankung von Adipositas. Nicht selten soll man im Reservat auf Menschen treffen, die über 200 Kilo wiegen. Schon Kindergärtler und Primarschüler haben Gewichtsprobleme. Ihre spezielle Veranlagung, die ihnen einst das Überleben garantierte, ist den Pima zum Verhängnis geworden.

Zumindest denjenigen in den USA. Im Norden Mexikos lebt nämlich ein zweiter Pima-Stamm, dessen Angehörige nicht dick geworden sind. Sie konsumieren zwar etwa gleich viel Kalorien wie ihre amerikanischen Stammesverwandten – aber ihr Speisezettel enthält viel weniger Fett und Fleisch. Und während sich die US-Pima wöchentlich nur ungefähr zwei Stunden bewegen, verrichten die mexikanischen Pima im Durchschnitt 23 Stunden körperliche Arbeit pro Woche. Das reicht aus, um schlank zu bleiben.

Dick, krank – und berühmt: Als eines der schwergewichtigsten Völker der Welt sind die amerikanischen Pima-Indianer schon vor Jahren zum Objekt der Wissenschaft geworden. Forscher der amerikanischen National Institutes of Health (NIH) haben die Pima zu Tausenden auf Herz und Nieren untersucht. Sie legten Familienstammbäume an, nahmen genetische Fingerabdrücke, erstellten Krankheits- und Sterbemuster, verglichen die Angehörigen verschiedener Familien und Generationen. Das Ziel der NIH-Wissenschaftler war, Erkenntnisse zu gewinnen über die Ursachen von Adipositas – in der Annahme, dass alle Dicken dieser Welt letztlich an der gleichen genetischen Störung litten wie die Pima.

Heute weiss man, dass es sich ganz und gar anders verhält. Die Gewichtsregulation beim Menschen ist unvorstellbar komplex – und mit ihr auch vermeintlich so Banales wie die Steuerung von Hunger- und Sättigungsgefühlen. Wahrscheinlich ist die Gewichtsregulation und der damit zusammenhängende Stoffwechsel sogar das komplexeste aller Systeme, das man je im Körper entdeckt hat.

Unzählige Wissenschaftler weltweit arbeiten auf dem Gebiet, doch gemessen an den Forschungsbemühungen ist der Erkenntnisstand dürftig. Was an Erklärungen und Modellen verbreitet wird, ist ein Vierteljahr später meist schon wieder überholt. Immerhin sind sich die Forscher einig, dass die Veranlagung beim Dickwerden ein entscheidender Faktor ist und mit ungefähr fünfzig bis sechzig Prozent ins Gewicht fällt. Durch Reihenuntersuchungen der Erbinformation bei Hunderttausenden von dicken Menschen hat die Forschung etwa achtzig Gene identifiziert, die bei der Veranlagung für Adipositas wahrscheinlich im Spiel sind. Wie diese Gene zusammenwirken, wie gross letztendlich ihr Einfluss ist, welche Gene für den Bierbauch verantwortlich sind und welche für den Fettsteiss, für welche Proteine diese Gene kodieren und was genau im Gehirn abläuft – all diese Fragen sind weitgehend offen.

Vor acht Jahren glaubten die Wissenschaftler, sie hätten den Code geknackt. Damals wurde an der Rockefeller-Universität in New York das Leptin entdeckt – ein Hormon, das vom Fettgewebe ausgeschüttet wird, die Blut-Hirn-Schranke passiert und sich an seine Rezeptoren in der Hirnanhangsdrüse bindet. Bei hoher Konzentration signalisiert es dem Hirn: Die Fettreserven des Körpers genügen – die Nahrungsaufnahme drosseln und die Wärmeproduktion ankurbeln. Ein tiefer Leptinspiegel hingegen, wie er beispielsweise beim Fasten eintritt, bedeutet dem Hirn, der Körper brauche Nahrung. Gleichzeitig wird die Wärmeproduktion gebremst, damit der Wiederaufbau angemessener Fettreserven ermöglicht wird. Kurz: Leptin meldet dem Hirn die Fettwerte des Körpers.

«Als 1994 das Leptin entdeckt wurde, sahen wir Licht am Ende des Tunnels», erinnert sich Jacques Mizrahi, der Leiter der Gefäss- und Stoffwechselforschung beim Basler Pharmaunternehmen Roche. «Es war, als hätte man den Universalschlüssel gefunden: ein Signal von der Peripherie des Körpers, das eine Reihe von Signalen im Zentralnervensystems anschaltet. Das war phänomenal.» Die Leptin-Lizenz wurde für mehrere Millionen gehandelt, auch Roche beteiligte sich am Rennen. Man dachte, dass Fettleibige wahrscheinlich zu wenig Leptin produzierten und man sie relativ einfach behandeln könnte, würde man ihnen das Hormon künstlich zuführen. Doch aus der Leptin-Euphorie wurde bald eine grosse Enttäuschung. Untersuchungen ergaben nämlich, dass das Gegenteil der Fall ist: Bei den meisten Adipösen ist der Leptinspiegel nicht etwa tief, sondern sehr hoch. Offenbar mangelt es ihnen nicht an Leptin, sondern sie sind resistent gegen dessen Wirkung. Warum, weiss niemand. Jedenfalls sind sämtliche Versuche, adipöse Patienten mit Leptin zu behandeln, hoffnungslos fehlgeschlagen.

«Die Leptin-Resistenz ist noch heute eine Black Box», sagt Jacques Mizrahi. Einige Pharmafirmen haben versucht, den Leptin-Rezeptor zu umgehen und auf andere Hormonsysteme einzuwirken, die mit dem Leptin verschaltet sind. Die Forscher von Roche bemühten sich eine Zeit lang um eine Resensibilisierung auf Leptin. Inzwischen aber hat das Basler Pharmaunternehmen sein Leptin-Programm abgebrochen. Jacques Mizrahi: «Wir wissen heute, dass wir es bei der Regulierung der Nahrungsaufnahme mit hochredundanten Systemen zu tun haben – das Leptin ist nur eines von vielen. Wenn ein einzelnes System versagt, sind noch unzählige andere Systeme und Signale vorhanden, die an der gleichen Funktion beteiligt sind. Die meisten kennen wir nicht.»
Ganz im Dunkeln tappt die Forschung allerdings nicht mehr. So ist beispielsweise erwiesen, dass der Botenstoff Serotonin ein wichtiger Spieler in diesem hochkomplexen Mechanismus ist. Aufgrund dieser Erkenntis hat das Pharmaunternehmen Knoll das Medikament Reductil entwickelt. Serotonin wird in der Hirnanhangsdrüse immer dann ausgeschüttet, wenn wir Kohlenhydrate essen. Ein bestimmter Serotoninspiegel gibt dem Gehirn das gleiche Signal wie Leptin: die Botschaft «Ich bin satt» sowie den Befehl, den Energieverbrauch anzukurbeln. Nach einer Weile aber wird das Serotonin wieder in die Nerven rückresorbiert – es meldet sich der Hunger, die Wärmeproduktion geht zurück. Nun bewirkt Reductil nichts anderes, als diese Rückresorption von Serotonin aufzuhalten; es ist ein «Wiederaufnahmehemmer» – das Sättigungsgefühl hält länger an, der erhöhte Energieverbrauch ebenfalls. Es seien vor allem die «Süssesser», erklärt der Produktmanager Jakob Dolder, die besonders gut auf Reductil ansprächen, weil die offenbar einen höheren Serotoninspiegel bräuchten als Normalesser. Interessanterweise wurde das Medikament ursprünglich zur Behandlung von Depressionen entwickelt, wo das Serotonin ebenfalls eine grosse
Rolle spielt. Erst als man es am Menschen erprobte, zeigte sich als Nebeneffekt seine
gewichtsreduzierende Wirkung.

«Fettesser» sind besser bedient mit Xenical – einem Medikament von Roche, das die Fettaufnahme im Darm um dreissig Prozent verringert. Roche hatte das Heilmittel von Anfang an als Blockbuster geplant. Doch erst jetzt hat Xenical die erhoffte Milliarde Dollars Umsatz erreicht; nach drei eher harzigen Jahren auf dem Markt und einem PR-Aufwand ohnegleichen. Kritisiert wird das Medikament unter anderem wegen seiner Nebenwirkungen. «Wenn du nicht fettarm isst, dann führt Xenical das Fett so schnell ab, dass du eine Ölspur in der Unterwäsche hast. Zwar nur einmal am Tag – dafür aber fast 24 Stunden lang», klagt eine Patientin online bei der Schweizerischen Adipositas-Stiftung. Der Roche-Mann Mizrahi kontert die Vorwürfe: «Solche Leute haben die Erziehungsbotschaft von Xenical nicht verstanden: dass sie mit dem Fettanteil ihrer Nahrung runter müssen.»

Ob Xenical, Reductil oder all die Produkte, welche die Pharmaindustrie in der Pipeline hat: Viele, die mit Adipösen therapeutisch zu tun haben, sind Medikamenten gegenüber skeptisch eingestellt. Der medikamentöse Ansatz sei im Grundsatz falsch. Und den Beweis, dass Medikamente langfristig die Gesundheit verbesserten, haben die Pharmafirmen noch nicht erbracht. Diese Meinung vertritt zum Beispiel der Basler Adipositas-Spezialist Ulrich Keller, am Kantonsspital Basel seit zwanzig Jahren mit Übergewichtigen beschäftigt. Er findet, es müsste viel mehr in der Prävention passieren – insbesondere in Sachen Bewegungskultur. «Überall wird überreichlich fürs Essen gesorgt, an jedem Ort, zu jedem Anlass. Ich kann zum Beispiel hier im Spital keine zwanzig Schritte tun, ohne an einem Verpflegungsautomaten vorbeizukommen. Wenn ich mich aber bewegen will, gerate ich schnell in Verlegenheit. Bewegungsmöglichkeiten sind nirgends eingeplant.» Dazu komme, dass der Körper den Bewegungsmangel nicht gleich steure wie den Hunger – im Gegenteil: Wenn man sich länger nicht rührt, entwickelt der Körper mit der Zeit eine Aversion gegen Bewegung. «Es gibt leider keinen Thermostaten, der uns ein Bewegungsbedürfnis meldet.»
Bruno Knöpfli, Chefarzt der Alpinen Kinderklinik, geht in seinen Überlegungen zur Prävention sogar noch weiter: Er spricht von politischen Massnahmen, die notwendig seien, um die Epidemie der Adipositas einzudämmen. Aufklärung täte Not – etwa darüber, dass die eisgekühlten Getränke der Fastfood-Restaurants das Sättigungsgefühl ausschalten. Oder dass eine normale Cola von fünf Dezilitern etwa gleich viel Kalorien hat wie eine Mahlzeit. «Es bräuchte», meint Knöpfli, «eine Kampagne wie gegen das Rauchen.»

Jugoslav hätte gegen eine grosse Cola samt kalorienreichem Begleitprogramm wahrscheinlich nichts einzuwenden. Es ist seine dritte Woche in Davos. Wie ein Haufen Elend sitzt er in der Atem- und Körpertherapie und macht halbherzig mit. Verflogen die Euphorie vom Vortag. Jugoslav sitzt auf einem Kissen, die Beine mit den Hip-Hop-Hosen im Schneidersitz. Auf seinem Kopf liegt ein Krönchen, über das er die Kraft seines Körpers spüren soll. Doch Jugoslav spürt nichts. Missmutig blickt er zu Boden, die Beine schlafen ihm ein, er will ein zweites Kissen. Er scheint den Tränen nahe, und auf die liebenswürdigen Erkundigungen der Therapeutin, ob es ihm gut gehe, antwortet er abwesend: «Ja, ja.»

Schliesslich bricht es aus ihm heraus: «Ich darf nicht nach Hause.» Er hatte gehofft, am Wochenende nach Bern zu fahren, zu seinem Vater und dem kleinen Bruder, um Weihnachten und Neujahr zu feiern, die in der serbisch-orthodoxen Kirche auf den Januar fallen. «Ich habe mich so gefreut, aber ich darf nicht.» Es ist niemand da, der diesen grossen Buben trösten könnte. In Davos bleiben ihm noch 48 Wochen. Abnehmen ist furchtbar schwer.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 07/02

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