Übergewicht ist kein Symptom unserer Zeit

Unsere dicken Vorfahren
Von Nanina Guyer. Aktualisiert am 22.04.2010

Schon die Ärzte der Vormoderne beschäftigten sich mit Fettleibigkeit und riefen die Bevölkerung zur Mässigung auf.
Extrem dicke Menschen sind nicht erst ein Phänomen unserer Zeit.

Die Ernährungsexperten sind sich einig: Schuld am Übergewicht in der heutigen Bevölkerung ist das moderne Industriezeitalter. In vormodernen Zeiten hingegen war alles besser: Damals nahm man keine Nahrungsmittel zu sich, sondern verspeiste noch richtiges Essen, bestehend aus viel gesundem Grün. Vor allem aber ass man viel weniger, und höchstens Könige und Fürsten konnten es sich leisten, dick zu werden. Der Medizinhistoriker Michael Stolberg widerspricht dieser Vorstellung entschieden. Dicksein, sagt er, sei keine Erfindung des Industriezeitalters. Übergewicht in allen Bevölkerungsschichten gab es schon, als das Schwein noch nicht abgepackt im Kühlregal lag und man das Rüebli noch selbst aus der Erde zog.


«Die Annahme, dass Fettsucht ein Phänomen unserer Zeit und damit erst Gegenstand der modernen Medizin sei, ist nachweislich falsch», sagt der Wissenschaftler der Universität Würzburg. Er analysierte ärztliche Schriften aus dem 15. bis 18. Jahrhundert und stiess dabei auf zahlreiche Berichte über dicke Patienten. «Im Unterschied zu heute waren das aber wirklich extrem beleibte Menschen, welche den Arzt aufsuchten», so Stolberg, und in den meisten Fällen konnten sich die Patienten kaum noch bewegen.

Die Ärzte schrieben in den Berichten, dass sie es eher mit «toten, unbeweglichen denn lebendigen» Menschen zu tun hätten. Nach heutigem Massstab würde dies bedeuten, dass es sich bei diesen Patienten um Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von über 35 handelte. Allerdings stellte man früher Patienten kaum auf die Waage. Die Idee, einen Körper zu wägen und Gewichtsnormen aufzustellen, tauchte erst im 18. Jahrhundert auf.

Die damaligen Ärzte behandelten nicht nur Adlige, sondern beispielsweise auch Handwerker. Wie viele Menschen zu dieser Zeit tatsächlich übergewichtig waren, lässt sich laut Stolberg aufgrund fehlender Quellen nicht mehr feststellen. «Man kann sagen, dass die Mehrheit der Leute, insbesondere die Stadtbevölkerung, theoretisch genügend Geld hatte, um sich einen schönen Wanst anzufuttern», sagt der Medizinhistoriker.

Die Vorstellung des entbehrungsreichen, von Pest und Hungersnöten heimgesuchten Zeitalters sei eine Mär, so Stolberg. Der Speisezettel unserer Vorfahren der Frühen Neuzeit war über weite Strecken reichhaltig: Körner jeglicher Art und Fleisch waren darauf ebenso zu finden wie Öl, Eier und Milchprodukte. Zucker und Kartoffeln fehlten allerdings weitgehend. Während sich Kartoffeln erst nach 1700 als Grundnahrungsmittel in Europa durchsetzten, war Zucker bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein Luxusgut. Zumindest unsere begüterten Vorfahren hätten sich nach heutigen Massstäben beurteilt ziemlich ungesund ernährt: Sie assen viel mehr Fleisch als heute und verzehrten zu viel Fett. Und bei den einfachen Leuten stand Grünfutter eher mangels Alternativen als aus gesundheitlichen Überlegungen auf dem Speisezettel.

Auch wenn die Toleranz der Ärzte gegenüber Übergewicht laut Stolberg weit grösser war als heute, so ermahnten sie bereits runde Menschen zur Mässigung, da bei ihnen die «Lebensflamme» leide. Die ärztlichen Ermahnungen waren oft vergeblich, da eine gewisse Leibesfülle als attraktiv galt. Dünne Frauen hatten beispielsweise Mühe, einen Ehemann zu finden. Richtig dicke Menschen hingegen kämpften ebenso mit Vorurteilen wie heute.

Die von Michael Stolberg untersuchten Arztberichte sind gespickt mit absonderlichen Vorstellungen über Fettleibigkeit und deren Therapiemöglichkeiten. Die Ärzte stellten sich vor, dass Dicke so sehr unter Druck standen, dass sie drohten, aus allen Nähten zu platzen. Deshalb wollte man mit Therapien nicht in erster Linie die Leibesfülle verringern, sondern den Druck im Körper ablassen. Die Ärzte verschrieben Aderlässe, Schröpfen, Abführmittel und schweisstreibende Mittel. Auch chirurgische Massnahmen wie das Öffnen der Bauchdecke sollten den Druck im Körper verringern.

Die Ärzte rieten aber auch zu weniger essen und mehr Bewegung. Dadurch, so stellte man sich vor, würde das überflüssige Fett nicht etwa verbrannt, sondern durch den Schweiss ausgeschieden. Fett galt damals als ein Exkrement, welches vom Körper nach aussen bis zu den Poren transportiert werde. Man dachte, es bestehe aus den öligen und luftigen Teilen des Blutes, welche sich in die Gefässe absondere und sich dabei verfestige. Dazu würden sich durch das übermässige Essen auch noch faulende Essensreste im Körper ansammeln. Dicke Menschen drohten deshalb bei lebendigem Leibe zu verfaulen.

Die Ärzte empfahlen auch Diäten. Nahrungsmittel wurden damals nicht etwa nach ihrem Nährwert und Anteil an Fett, Protein und Kohlehydraten beschrieben, sondern als warm, kalt, feucht oder trocken. Da Dicke wenig Blut, dafür viel kalten Schleim besitzen würden, sollten sie vor allem trockene und warme Nahrungsmittel wie Fleisch oder Brot essen. Die Diät sollte das Blut so verändern, dass weniger Fett von den Gefässen ausgeschieden werden konnte.

Die damaligen Ansichten darüber, was gesundes Essen sei, waren eng mit der Vorstellung über die Verdauung verknüpft. Die menschliche Verdauung war eines der grossen Rätsel, welches man erst nach dem Aufkommen der Chemie im 19. Jahrhundert lösen konnte. «Bis dahin vermutete man, dass die Verdauung wie ein Kochtopf auf dem Herd funktioniere: Im Körper brannte ein Feuer, welches die Lebenswärme erzeugte und Nahrung so lange verkochte, bis sich diese den Körpersäften anglich», erklärt Michael Stolberg.

Viele der heute gemeinhin als gesund geltenden Speisen gehörten damals in die Liga des Ungesunden. Asiatisches Essen etwa wäre vormodernen Ernährungsexperten ein Graus gewesen – man dachte, dass man beim Genuss besonders scharfer Speisen buchstäblich innerlich verbrennen würde. Melonen und Gurken gehörten in der frühneuzeitlichen Ernährungslehre zum Schlimmsten, was man essen konnte. Als kalte und rohe Speisen würden sie das Feuer im Innern des Körpers löschen. «Und heute wird man von Gurken und Melonen allein schon dünn», schmunzelt Stolberg.

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