Kurzgeschichte von Philipp Schneider von der kleinen Annabell

Philipp Schneider
Die Dicke

Die
Dicke

Ausgelacht, beschimpft und ausgeschlossen hatten sie
Sie. Immer und immer wieder hatten sie mit dem Finger auf Sie gezeigt
und ihr die Tränen in die Augen getrieben. Freunde hatte Sie hier
nicht. Keiner wollte oder traute sich, mit Ihr befreundet zu sein
oder mit Ihr zu reden. Denn Spott und Hohn gab es für den, der
Mitleid zeigte. Sie war immer allein. Einsam stand Sie stets in der
dunkelsten Ecke des Schulhofes und sah den anderen Kindern
sehnsüchtig beim Spielen zu. Sie konnten lachen und hatten Freunde.
Etwas, was Sie hier nie hatte. Keiner ließ Sie mitspielen, keiner
wollte Sie haben.

Jeden Tag spielte sich das gleiche ab und
schien ein Bild der Gewohnheit zu werden. Die Lehrer bemerkten nichts
oder sahen einfach weg, weil sie Sie genauso wenig mochten wie die
Schüler. Keiner der Erwachsenen bemerkte, wie die Elfjährige immer
wieder gedemütigt wurde. Fette Qualle und Puddingbomber nannten sie
Sie. Dicke. Blöde Kuh. Walross. Die Fantasie Ihrer Mitschüler
kannte keine Grenzen und keine Gnade. Nein, nicht für Sie, denn so
lang man es auf Sie abgesehen hatte, wurde man selbst nicht das Opfer
und somit zum Spielball der anderen. Man war wirklich froh, dass es
Sie gab.

Oft zog man Ihr auch an den dünnen, langen Haaren.
Einfach nur so, um Ihr weh zu tun. Es machte Spaß dabei zuzusehen,
wie Sie verzweifelt versuchte sich zu wehren und so den Griffen der
anderen zu entkommen. Auch schlugen sie ‚Ihr gern die Brille aus
dem Gesicht und freuten sich, wenn Sie verzweifelt nach ihr suchte.
Das war jedes Mal nicht einfach für Sie, denn die Dicke hatte eine
Brille mit Gläsern, die so dick waren, wie Aschenbechergläser. Ohne
die Brille sieht Sie gar nichts. Es ist ein lustiger Anblick Sie so
unbeholfen zu sehen.

Auch mag man es, Ihr Beine zu stellen und
sich über Sie lustig zu machen, wenn Sie fällt. Alle lachen stets
mit, denn man hat jedes Mal genau wie die anderen „den Boden beben
spüren“. Dass das eigentlich gar nicht stimmt, ist allen egal.
Hauptsache man hat wieder etwas gefunden, um Ihr noch mehr weh zu tun
und Sie zum Weinen zu bringen. Denn das haben sich hier viele zu
ihrer Pausenaufgabe gemacht. Jede Chance die man wittert und dafür
nutzt Ihr weh zu tun, wird mit Applaus und Lob der anderen Mitschüler
belohnt.

Über die Sachen der Dicken macht man sich auch
besonders gern lustig. Weil Sie so fett ist, passt Sie in keine
Designerjeanshose. Man vermutet auch, dass Sie sich nicht traut eine
zu tragen, weil Sie jeden Tag immer breiter wird. Und so wie die
Dicke aussieht, scheint Sie eh kein Geld zu haben. Noch ein weiterer
Grund um Sie zu demütigen und zu hassen. Die Qualle trägt immer
Leggings in den knalligsten Farben und schrillsten Mustern.
Wenigstens haben sie den Schnitt einer Schlaghose, sonst müsste man
sich noch mehr über Sie lustig machen. Auch die T-Shirts hängen nur
schlaff an Ihr herunter und sind farblich nie auf Ihre restlichen
Sachen abgestimmt. Wobei man findet, dass bei der Dicken eh nichts
mehr zu retten ist. Egal, welche Mühe Sie sich gibt.

Heute
ist wieder einer dieser Tage, an denen man auf die Pause wartet, um
der Dicken das Leben schwer zu machen. Dass Sie eigentlich einen
Namen hat interessiert hier niemanden. Sie ist und bleibt die Dicke,
die fette Qualle, das Walross, die Puddingschleuder. Man ist sich
nicht einmal sicher, ob die Lehrer überhaupt Ihren Namen wissen,
denn Sie wird nie im Unterricht angesprochen. Und selbst wenn man
diesen Namen wüsste, wäre es wahrscheinlich sowieso ein total
blöder Name. Darin sind sich alle einig.

Es klingelt und alle
gehen eilig auf den Schulhof. Alle müssen das Schulgebäude
verlassen, ob sie wollen oder nicht. So ist das eben in der Schule.
Nur wenn man sich das Bein gebrochen hat, dann darf man ausnahmsweise
drinnen sitzen bleiben und auf die nächste Stunde warten. Aber das
Walross ist so fett, so was würde der nie passieren. Das Fett würde
alles abhalten.

Die Dicke steht wieder in ihrer Ecke und
starrt auf den Boden. Sie weiß, dass gleich der Spießrutenlauf für
sie beginnt. Es ist immer so. Jede Pause. Eine Gruppe von Jungen aus
ihrer Klasse geht langsam auf Sie zu, um Ihr wieder an den Haaren zu
ziehen. Wie immer versucht Sie sich zu wehren, doch es ist
hoffnungslos. Das dünne, dunkelblonde Haar hängt Ihr zerzaust im
Gesicht. Den Zopf, den wahrscheinlich Ihre Mutter am Morgen gemacht
hatte, gibt es nicht mehr. Einer der Jungen ruft den anderen etwas
zu. Eh man begreift, was es zu bedeuten hat, packen die
angesprochenen Buben Sie, um Sie fest zu halten.

Neugierig
blickt man zu der Gruppe und beobachtet, wie der Anführer der Gruppe
eine Schere zückt. Ganz langsam fallen die abgeschnittenen Haare zu
Boden. Belustigt fangen die Kinder an zu lachen, denn nun sieht die
Dicke noch dämlicher aus als vorher.

Johlend und wieder mit
den Finger auf Sie zeigend stehen die Schüler in einem Kreis um Sie
herum und können sich vor Lachen kaum noch halten. Dicke Tränen
laufen Ihr über die Wangen, doch keiner hat Mitleid mit Ihr. Ganz im
Gegenteil. Ermutigt von dem, was die Jungen mit Ihr getan haben,
fangen nun auch die Mädchen an, Sie zu schikanieren. Sie ziehen an
den kurzen Haaren, die in den unterschiedlichsten Längen von Ihrem
Kopf abstehen. Sie fangen an, an Ihren Sachen zu ziehen und sie zu
zerreißen. Man beginnt damit sie zu treten und zu schlagen, während
man von den anderen immer weiter angefeuert wird. Dass die Dicke
Schmerzen hat interessier niemanden, denn die kann das schon ab.

Als
es zum Ende der Pause klingelt, liegt die Dicke mit zerrissenen
Sachen und geschwollenem Gesicht auf dem Boden und wimmert. Alle
eilen in das Schulhaus, ohne Sie noch eines Blickes zu würdigen. Es
ist alles normal für sie. Keinen kümmert es, dass es anfängt zu
regnen und niemanden interessiert es, was Sie wohl nun machen
wird.

Es ist nun drei Tage her, seit all dies geschehen ist.
Der Platz auf dem die Dicke immer gesessen hat ist leer. Niemand
weiß, was mit Ihr passiert ist, doch man vermutet, dass sie wohl
wegen des vielen Fetts geplatzt ist. Dieses Gerücht bringt alle zum
Lachen. Es amüsiert sogar noch alle, als der Direktor alle in die
Aula kommen lässt. Auch die Eltern der Mitschüler sind geladen
worden, was die Elfjährigen jedoch gelassen hinnehmen. Sie sind noch
immer aufgeheitert von den neusten Witzen, die sie über die Dicke
reißen können.

Als der Direktor sich räuspert kehrt Ruhe
ein und alle blicken gespannt auf den grauhaarigen Mann mittleren
Alters. Er hat sie alle nicht herkommen lassen, um mit ihnen wichtige
Dinge zu besprechen, sondern um über die Dicke zu reden. Man ist
empört, doch man sagt nichts, da die Eltern strafend zur Seite
blicken. Hat man denn etwas falsch gemacht?

Die Dicke oder
Annabell – wie sie der Direktor nennt – hat die Schule auf
ausdrücklichen Wunsch ihrer Eltern verlassen. Niemand wird erfahren,
wohin Sie gehen wird. Doch darüber ist niemand sonderlich traurig.
Auch erzählt der Direktor, dass er sich schämt solche Schüler an
seiner Schule zu unterrichten und dass man eine Schande für die
ganze Stadt sei. Die Blicke der Eltern verraten, dass sie ebenfalls
das Handeln der Schüler verurteilen. Erst jetzt merkt man, dass man
etwas Falsches getan hat. Etwas, dass einige nie wieder loslassen
wird und andere schon im gleichen Moment nicht mehr
interessiert.

Über die Jahre wird die Geschichte immer wieder
in den Gedanken der Schüler auftauchen. Erst jetzt begreifen sie,
was sie einem Mädchen angetan haben, das ihnen doch gar nichts getan
hatte. Erst jetzt begreifen sie, wie unglücklich sie gewesen sein
muss. Es ist wohl klar, dass Annabell die Schüler ihr Leben lang in
schlechter Erinnerung behalten wird und doch hoffen Einige, dass sie
ihnen vielleicht verzeihen wird.

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Ein Gedanke zu “Kurzgeschichte von Philipp Schneider von der kleinen Annabell

  1. Egal ob die Geschichte wahr ist, oder nur ausgedacht, sie hat mich sehr betroffen gemacht. Manchmal frage ich mich wirklich, woher Menschen, egal ob klein oder groß, diese unvorstellbare Grausamkeit haben. Mir ist so ein Verhalten ehrlich gesagt völlig schleierhaft. Ich kann heute mit berechtigtem Stolz sagen, dass ich in der Schule niemals ein anderes Kind gemobbt oder körperlich drangsaliert habe. Abgesehen davon gab es bei uns sowas früher auch nicht. Da wären die Lehrer sofort eingeschritten, und die Täter hätten sich warm anziehen können. Nicht Annabell hätte die Schule verlassen müssen, sondern sämtliche Mitschüler, die sie gequält haben. Samt entsprechender Beurteilungen in den Zeugnissen, damit die neuen Schulen gleich wissen, wen sie sich da ins Haus holen.
    Denn das Schlimmste ist, dass die Täter meist überhaupt nichts aus so einer Sache lernen, auch wenn der Text dies andeutet. Was immer bei solchen Kindern schief gelaufen ist, nur mit einem sacht erhobenen Zeigerfinger kann man es sicher nicht beheben. Wenigstens beziehen der Direktor und die Eltern eine eindeutige Stellung. Oftmals ist auch so, dass die Schuld nur bei den Opfern gesucht wird, während die Täter geschützt werden. Das ist ein ebenso bequemer Weg, wie der, den die Schüler gehen, die sich ein vermeintlich schwaches Kind aus ihrer Mitte suchen und fertigmachen, nur um ihr eigenes schwaches Ego aufzubessern. Traurig – vor allem, wenn man solche Beweggründe selbst nicht nachvollziehen kann.

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